Ausstellungen

„Kunst aus dem Holocaust“ im Deutschen Historischen Museum

Es ist ein Coup: Erstmals werden Werke aus dem Kunstmuseum der Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem im Ausland gezeigt. Es sind dies keine zeitgenössischen israelischen Werke, wie sie 2015 der Martin-Gropius-Bau zu 50 Jahren diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland präsentierte. Nein, im DHM werden jetzt Werke mit einem entsetzlichen historischen Hintergrund gezeigt – geschaffen von jüdischen Menschen in den Ghettos und Lagern während des Nazi-Terrorregimes. Solchen, die an Akademien studiert hatten, aber auch von Laien, sogar Kindern und Jugendlichen. Etwa Nelly Toll aus dem ukrainischen Lwуw, die als achtjähriges Mädchen, in einer Kammer versteckt, vom Frühling in der Freiheit träumte (Abb. oben).
„Sie alle haben sich geweigert aufzugeben“, so Kuratorin Eliad Moreh-Rosenberg vom Museum aus Jerusalem. Und: „Im Akt des Malens steckt ein Akt der Auflehnung.“ In ihren letzten Wochen, Tagen, Stunden haben sie eine beeindruckende Kreativität zum Ausdruck gebracht. Ein in der Shoah gefertigtes Bild müsse allerdings ganz anders betrachtet werden als eines, das auch nur einen Tag nach der Befreiung entstanden sei, findet Moreh-Rosenberg: „Ersteres ist von einem Menschen geschaffen, der um sein Leben kämpft.“ Rückschau hingegen sei schon Traumabewältigung.
100 von 10.000 Werken aus dem Museum hat Moreh-Rosenberg mit ihrem Kurator-Kollegen Walter Smerling von der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur ausgewählt. Auch Szenen aus dem KZ-Alltag: Interieur-Bilder der Baracken, zusammengepferchte Menschen zwischen Zäunen; Folter und Erschießungen, Hinrichtung durch Hängen; Leichen, die abtransportiert werden wie totes Vieh; ironisch und zynisch karrikierende Darstellungen der Gewaltherrscher (Abb. rechts); aber auch die Vorstellungen, wie es hinter dem Stacheldraht und den Mauern aussehen könnte – wie der herzzerreißende Funke Hoffnung der kleinen Nelly Toll, die den Krieg übrigens überlebte. Das ist leider nur für die Hälfte der Kunstschaffenden wahr, deren Werke wir nun sehen.
„All diese Bilder machen eines deutlich“, sagt Smerling: „Du kannst den Menschen bestialisch behandeln, ihn fesseln, ihn demütigen, ihn entwürdigen; du kannst ihn ermorden, ihn in tausend Stücke teilen, aber eines kannst du nicht: seine Seele haben.“ Es sind Werke, die unter die Haut gehen. Immer wieder trieben auch den Profi-Kurator Smerling, der sonst nicht übersensibel wirkt, Fragen um, die wehtun: Wozu ist der Mensch in der Lage? Smerling seufzt und man spürt, dass die Arbeit an dieser Schau kein Job wie jeder andere war.
Gab es in Yad Vashem kein Unbehagen, diese Werke ausgerechnet nach Deutschland zu verleihen? Nein, die Stimmung sei sehr positiv, versichert Smerling, „geradezu liebevoll, völlig begeistert“. Fast 70 Prozent der Israelis stehen Deutschland sehr positiv gegenüber. Nicht zuletzt zeigt sich das ja auch an den vielen jungen Israelis, die nach Berlin strömen. Bis zu 30.000 leben hier. Es ist all dies ein Friedenszeichen. Gleichwohl: In einer Zeit, in der die letzten Shoah-Überlebenden sterben, sind es letztlich die materiellen Bilder, die unser kulturelles Gedächtnis bilden werden. Dass Gedichte und Kunst nach Auschwitz möglich sind (auch wenn Adorno es negierte), wissen wir. Dass Kunst auch in Auschwitz manchmal möglich war, sollten wir nicht vergessen.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte,tgl. 10–18 Uhr, 26.1.–3.4.

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