Ausstellungen

Kunst in Berlin 1933–1938 in der Berlinischen Galerie

Vier Heringe liegen auf dem Holzbrettchen, das Glitschigkalte ihrer silbernen Bäuchlein kriecht einem förmlich unter die Haut. Mit messerscharfem Blick gibt die Malerin Anne Ratkowski (1903–96) die Vorbereitung eines Mahls wieder, im Berlin der 20er-Jahre zählte sie zu den erfolgreichsten Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten vor 80 Jahren wurde ihre Karriere jäh unterbrochen, ebenso wie die ihres jüdischen Mannes Nikolaus Braun. In der größten Not schickten sie ihren Sohn mit einem Kindertransport nach England. Vor der eigenen Emigration verbrannten die beiden Maler ihre großformatigen Gemälde, die sie nicht mitnehmen konnten.

Heute sagen die Namen Anne Ratkowski und Nikolaus Braun selbst Insidern nichts mehr. Ihre deutliche Präsenz in der deutschen Hauptstadt wurde 1933 brutal gekappt. Ihre Spuren sind nachhaltig gelöscht – obwohl Ratkowski im belgischen Untergrund überlebte und weitermalte. Nicht einmal die von der Berlinischen Galerie 1996 arrangierte Schau über sie vermochte es, ihren Namen wieder geläufig zu machen.

Doch ihr Schicksal ist nur eines von vielen. Im Grunde passte den braunen Machthabern die gesamte Kunstproduktion der 20er/30er-Jahre nicht, die wir heute in der Berlinischen Galerie so bewundern. Eine konzentrierte Ausstellung lenkt nun den Blick auf die Bilder wie auch die Biografien der einst Verfemten. Ausdrücklich hob dabei der Sammlungsleiter Bildende Kunst Heinz Stahlhut solche Schätze, die nicht zu den bekannten Ikonen des Hauses gehören. Auf Augenhöhe mit Otto Dix und Hannah Höch sind nun fast vergessene Kollegen zu entdecken wie Lou Albert-Lazard oder Rudolf Jacobi. Wer weiß zum Beispiel, dass der launige Lyriker und Kabarettist Joachim Ringelnatz malte? Seine Gemälde im Stil der Neuen Sachlichkeit wie des Surrealismus verschafften ihm durchaus Anerkennung, die renommierte Galerie Flechtheim gewährte ihm eine Einzelausstellung. Gleich nach dem folgenschweren 30. Januar 1933 erteilten ihm die Nazis Auftrittsverbot und verbrannten seine Bücher. Seine dadurch erwirkte Mittellosigkeit verschlimmerte seine Tuberkulose, denn: Ärzterechnungen konnte er nicht mehr begleichen. Er starb 1934 vollkommen verarmt.

Zur 50. Wiederkehr des 30. Januar hatte die Berlinische Galerie schon einmal eine verwandte Ausstellung aufgeboten: „Aus Berlin emigriert“. Eberhard Roters, der Doyen des Museums, setzte damals das Wort „Wiederentdeckung“ in Anführungsstriche, „weil es sich ja nicht um die Ausgrabung versteckter Dinge handelt, sondern um ein offensichtliches Geheimnis. Die Kunst liegt uns nämlich vor der Nase; wir sehen sie nur nicht, und das ist der eigentlich interessante Aspekt im Hinblick auf das Thema ’nationale Verdrängung'“. Ringelnatz‘ Gemälde gehören nicht zum kollektiven Gedächtnis. Da hat die „Säuberung“ der öffentlichen Kunsthallen durch die Nazis ganze Arbeit geleistet. Nun zeigt die Berlinische Galerie seinen „Herbstgang“ von 1929. Doch wo legten die Nazis ihre ästhetische Latte an? „Bei allen Beispielen, die wir nun ausstellen, wird evident, dass es keine kunstimmanenten Kriterien waren“, sagt Stahlhut. Vielmehr spielte die Beteiligung an politischen Organisationen wie etwa der Novembergruppe eine ausschlaggebende Rolle.

Auch Bilder haben ihre Schicksale. „Und diese stehen mit den Lebensschicksalen ihrer Schöpfer in engem Zusammenhang“, sagte bereits Eberhard Roters. Der Besucher wird nicht allein mit dem Erlebnis der Gemälde oder Fotografien etwa einer Yva, Lehrerin Helmut Newtons, konfrontiert, sondern auch mit den Viten der Künstler. Yva wurde ins polnische Lager Sobibor deportiert und 1942 umgebracht.

Text: Martina Jammers

Foto: Kai-Annett Becker

Aus der Sammlung: Kunst in Berlin 1933–1938 Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 30.1.–12.8.

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