Ausstellungen

„Kunst der Vorzeit“ im Martin-Gropius-Bau

Gesucht werden: professionell ausgebildete Malerinnen und Maler, auch des Fotografierens kundig, bei guter Gesundheit, leidensfähig und zäh, gelenkig bis akrobatisch und ohne Angst vor feuchten, engen Höhlen oder dem Ersteigen von Felsüberhängen, bescheiden sowie finanziell unabhängig,  da ein Honorar nicht immer gezahlt werden kann … So ähnlich hätte um 1900 eine Stellenanzeige des ethnologischen Forschers Leo Frobenius (1873-1938) lauten können, der für seine Expeditionen zu den Höhlenmalereien und Felsbildern fähige Mitarbeiter für das Kopieren der aufsehenerregenden Vorzeitkunst suchte.
Und noch ein paar weitere Qualifikationen waren für die abenteuerlichen und nicht ungefährlichen Forschungsreisen erwünscht: die Fähigkeit zum Reiten auf Kamelen, Pferden und Maultieren, ethnologische, geologische und mineralogische Kenntnisse, dazu handwerkliche und kraftfahrtechnische Fertigkeiten.
„Man liegt auf dem Rücken in einer schmalen Felsspalte, in der man sich kaum bewegen kann, um die Decke abzumalen. Wir baumeln an Strickleitern und an den Steilwänden ausgetrockneter Flusstäler und kriechen auf allen Vieren mit Petroleumlampen in unterirdische Gänge“, berichtete die Malerin Elisabeth Krebs von den Arbeitsbedingungen auf einer Expedition nach Nordafrika. Krebs gehörte zu den 20 Künstlerinnen  und Künstlern – es waren elf Frauen und neun Männer –, die Frobenius auf seinen sechzehn Expeditionen Anfang des 20. Jahrhunderts nach Afrika, Australien, Indonesien, Neuguinea, Skandinavien und Südeuropa begleiteten.
Das von Leo Frobenius 1898 in München gegründete Frobenius-Institut, seit 1924 in Frankfurt und 1946 der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt angegliedert, verwaltet eine Sammlung von rund 5.000 Felsbildkopien, die inzwischen als Rarität gilt und eine der ältesten und umfassendsten Felsbildsammlungen weltweit ist. Angesichts der sich rasant entwickelnden fototechnischen Möglichkeiten wurde die Methode des handwerklichen Kopierens von Felsbildern für die ethnologische Forschung bald uninteressant. Doch viele Fundstellen sind heute zum Teil zerstört, sodass die Abzeichnungen ein wichtiges Dokument bilden.
Die Motivationen der Künstler vor 30.000 oder 10.000 Jahren sind nicht geklärt. Seit die Höhlenmalereien und Felsbilder im 19. Jahrhundert entdeckt worden waren, sind sie Objekte der Spekulationen. Ob die Bilder für Initiationszeremonien hergestellt wurden, einem Jagdzauber dienen sollten oder Ursprung im Schamanismus haben, weiß niemand. „Man kann zwar heute das Alter einzelner Fundstätten entschieden zuverlässiger als früher datieren, doch von ihrem sozialen und kulturellen Umfeld weiß man nach wie vor so gut wie nichts“, so der Direktor des Frobenius-Instituts Karl-Heinz Kohl.
Seit den 1920er-Jahren präsentierte Frobenius die Zeichnungen, Aquarelle, Abreibungen und schwarz-weißen Fotografien in fast allen europäischen Hauptstädten und amerikanischen Metropolen. Im Berliner Reichstag, im Pariser Palais du Trocadйro und im New Yorker MoMA sorgten die Schauen für Furore. Diese Promotiontouren sollten Sponsoren für weitere Expeditionen akquirieren.
Beim Kopieren der Kunst aus der Vorzeit musste auf Wunsch des Ethnologen der „Geist der Vergangenheit“ im Dienst der Wissenschaft eingefangen werden. Doch haben die Künstlerinnen und Künstler, wenn auch unbewusst, „Nachschöpfungen“ geliefert. „Das, was die Kopien zeigen, sind Transkriptionen in eine Ästhetik des modernen Kunstwerks, die auf ihren Ausstellungs- und Abbildungswert hin konzipiert waren“, schreibt Bärbel Küster im Katalog zur Ausstellung. Heute werden diese Werke als Kunst angesehen, auch wenn die Malerinnen und Maler ihre Felsbildkopien in der Regel nicht signierten.
Die Präsentation „Kunst der Vorzeit“ des Frobenius-Instituts thematisiert den Einfluss, den diese unter abenteuerlichen Bedingungen entstandenen Kopien von Felsbildern auf die Kunst der Moderne hatten. Die Originale in den weit entfernten und schwer zugänglichen Höhlen und Felsmassiven haben Künstler wie Picasso, Mirу, Klee, Arp und Masson nie gesehen, sie wurden ihnen durch die Bilder vermittelt, die unbekannte Kolleginnen und Kollegen angefertigt hatten. Deren Wirkung, nachdem sie allein in Europa bis 1937 über zwanzig Mal ausgestellt worden waren, ist unübersehbar. Die Moderne war mit der Kunst der Vorzeit in den Dialog getreten.

Text: Constanze Suhr

Foto: Frobenius-Institut, Frankfurt am Main

Kunst der Vorzeit. Felsbilder ?Aus der Sammlung Frobenius Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 21.1.–16.5.

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