Ausstellungen

„Kunst an der Wand“ in der Forgotten Bar

patrick_farzarBerlin oder Hamburg? Das war für jeden Kulturmenschen noch vor ein, zwei Dekaden eine Grundsatzentscheidung: Sich an der Elbe niederzulassen, versprach dank des geringeren Wettbewerbs und der gefüllteren Fleischtöpfe bessere Chancen, Kunst und Leben auch ökonomisch versöhnen zu können. Es bedeutete aber auch, in einer aus gefühlten fünfeinhalb Personen bestehenden Szene einen vorzeitigen Langeweiletod zu sterben. Berlin hingegen schien, von Hamburg aus betrachtet, Vorzimmer von New York zu sein, schreckte aber aufgrund der rauen Lebensbedingungen manchen ab. Man begegnete sich, wenn überhaupt, mit ungesunder Skepsis. Doch seit geraumer Zeit ist Bewegung in der Sache. So machen etablierte Hamburger Häuser wie Klosterfelde oder die Produzentengalerie den härtesten Teil der Potsdamer Straße unsicher, und ausgerechnet im tiefsten Kreuzberg sind nun mit „Kunst an der Wand, Band 1–9“ gleich neun Positionen von jungen Hamburger Künstlerinnen und Künstlern zu entdecken, die mit den Medien Malerei, Zeichnung und Collage das weite Feld von Repräsentation, Abstraktion und Konzept umpflügen.

Das allerdings nur einen Abend lang. Schließlich zeichnet sich das im Umfeld der „Galerie im Regierungsviertel“ entstandene „Forgotten Bar Project“ durch ein nur in Berlin denkbares Konzept des „Hi-Speed-Curating“ aus: In den schummrigen, ständig renovierungsbedürftig wirkenden Räumlichkeiten wird, seit mehr als zweieinhalb Jahren, zu Spitzenzeiten fast täglich mittags die Ausstellung vom Vortag abgebaut, am Nachmittag die Show des Tages gehängt und am Abend gefeiert, getrunken und geraucht, bis es zum Urban nicht mehr weit ist oder die Nachbarn die Polizei rufen – und das weitgehend ohne Qualitätsverluste und mit Beteiligung von Protagonisten der jungen internationalen Avantgarde. Zu der darf man übrigens auch Initiator Tjorg Douglas Beer zählen, der, gebürtig in Lübeck und ausgebildet in Hamburg, ebenfalls frischen Nordwestwind nach Südost-Berlin gebracht hat.

Text: Gunnar Lützow

Kunst an der Wand, Band 1–9 Forgotten Bar Project c/o Beer, Admiralstrasse 17a / 2. Hof, 8.4.2011, 19–22 Uhr

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