Kommentar

„Kunst ist kein Kindergarten“ von Stefanie Dörre

Zuerst lief alles prima. Als Neumutti kutschierte ich meinen Sohn im Kinderwagen durch alle möglichen  Ausstellungen und er schlief dabei oder starrte zufrieden an die Decke. Alles supi.

Stefanie Dörre

Dann kam 2011 die Venedig-Biennale. Eine Katastrophe. Sohn verstört. Eltern verunsichert. Kunst mit Kind bis auf weiteres gestrichen. Was passiert war? Der Schweizer Künstler Urs Fischer hatte riesige Wachskerzen-Skulpturen in die Arsenale gestellt, Figuren von Menschen, die ganz langsam herunterbrannten. Von „Rudi“ – die Figur war seinem Freund Rudolf Stingel nachgebildet – waren Kopf, Hals und ein Teil der Schultern bereits den Flammen zum Opfer gefallen. Mein Sohn konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ob denn Papa auch so abbrennen könne? Unser wiederholtes „Nein, Schatz, der ist doch nicht echt!“ konnte ihn nicht beruhigen. Tagelang redete er davon. Mit zwei Jahren kann man eben die Realität ersten  Grades (echt) noch nicht von der zweiten Grades (Kunst) unterscheiden. Seither kriege ich Aversionen, wenn ich sehe, wie Kinder in Ausstellungen verschleppt werden, die ihre Möglichkeiten, das Gezeigte zu begreifen, deutlich überschreiten. Nein, das ist nicht cool. Und das beweist auch nicht, dass die Eltern einen weiteren Horizont als bis zum nächsten Spielplatz haben, sondern nur, dass sie die starke Wirkung von Kunst auf Kinder nicht richtig einschätzen können.

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