Ausstellungen

Kunst und Kalter Krieg im Deutschen Historischen Museum

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So viel Deutschland war nie
. Während in der Neuen Nationalgalerie Thomas Demand seine nachgebastelten deutschen Schlüs­­sel­szenen von Hitlers Wolfsschanze am 20. Juli 1944 über Barschels Badewanne bis hin zur Stürmung der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße zeigt, lässt sich das Deutsche His­torische Museum auf ein sensibles Thema ein, das schon einige Male für reichlich zersprungenes Porzellan sorgte: die deutsche Kunst. Genau vor zehn Jahren hatte der aus dem Rheinland stammende Kurator Achim Preiß in Weimar für Aufruhr gesorgt, als er in der Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ lieb- und stillos, vor allem aber diffamierend, ostdeutsche Kunst höchst unter­schiedli­cher Qualität in Petersburger Hängung präsentierte.

Neo Rauch drohte damit, sein Bild eigenhändig zu entfernen. Sogleich sprang die Berliner Akademie der Künste bei und bescheinigte dieser Schau „unvergleichliche Arroganz“, sah in ihr gar einen „Rückfall in demagogische Abwertungs- und Denunziationsmuster des Kalten Krieges“. Nun hat sich Eckhart Gillen von den Berliner „Kulturprojekten“ mutig mit der amerikanischen Kuratorin Stephanie Barron in dieses verminte Gelände gestürzt und die Bilderproduktion während des Kalten Krieges zum Thema erkoren. Die Ausstellung erfasst gesamtdeutsches Kunstschaffen bis zum Ende des Kalten Krieges und hört folglich genau dort auf, wo die in diesem Sommer gezeigte und zurecht geschmähte Schau „60 Jahre 60 Werke“ überhaupt erst DDR-Künstler für würdig befand, da sie bis 1990 systembedingt „in Unfreiheit“ wirkten und arbeiteten. Gillens so gehaltvoller wie differenzierender Begleitband fragt mit seinem Haupttitel „Feindliche Brüder?“ noch ein wenig ver­haltener nach. Wer denkt da nicht sofort an Wolfgang Mattheuers „Kain“ von 1965, das berühmte Bild eines Clinchs? Matt­heuer ist mit diesem Gemälde ein allgemeingültiges Gleichnis für Verrat, Gewalt und Leiden gelungen. Nichts deutet darauf hin, dass das Gute siegen, das Böse aber bestraft wird.

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Es scheint naheliegend, in den Kombattanten eine Metapher der deutschen Teilung zu sehen, doch sind auch ganz andere Lesarten möglich. So hat für den Mattheuer-Biografen Heinz Schönemann die Gestalt des Kain „den Kugelkopf des Kongo-Müller, seine Füße tragen GI-Stiefel“. Mattheuer ist sicher eines der prägnantesten Beispiele für DDR-Künstler, die sich nicht so einfach auf eine Formel und erst recht nicht in das Prokrustesbett einer „Ostkunst“ quetschen lassen. Es ist das große Verdienst dieser Ausstellung, dass sie sich weigert, vollmundig mit dem Terminus des „sozialistischen Realismus“ zu etikettieren. Zeigt doch diese zur Staatsdoktrin erklärte Richtung „deutlich die Hilflosigkeit des Regimes, das mit dieser ominösen Leerformel nach Gutdünken schaltete, da niemand den sozialistischen Realismus so richtig definieren konnte“, resümiert Eckhart Gillen. Wie weit ist Werner Tübkes „Frühbürger­liche Revolution“ (1979–81) von Matt­heuers „Die Ausgezeichnete“ (1973) entfernt! Tübke gibt ausgerechnet das apokalyptische Niedermetzeln von 6000 Bauern in der Manier der Donauschule wieder. Den Weltenrichter über dem Sturz der Verdammten malt er als schreienden, auf dem Rücken schwebenden Christus mit Dornenkrone und dem Gewand eines Narren, der in Kreuzigungspose mit ausgestreckten Armen ein Schwert und ein Lilienzepter hält. So hat Tübke zwar die vom Auftraggeber gewünschte Schlacht vom 15. Mai 1525 ausgeführt, verwandelt das Geschehen aber zu einem zutiefst pessimistischen Zweifel am Fortschritt der Geschichte.

Und zur melan­cho­lischen „Ausgezeichneten“ von Mattheuer, der für ihre Taten im Arbeiter-und-Bauernstaat die Segnungen der typischen ostdeutschen Einzelblume, der roten Nelke, zuteil werden, passt eine Be­obachtung von Günter de Bruyn, der zehn Jahre nach dem Mauerbau im Ostteil eine Resignation wahrnahm, „die zur Bejahung des Bestehenden neigte, ein bequemes Eingewöhnen in die Zwangslage gestattete und Gedanken an Veränderungen verbot“. Vier große Kapitel haben Eck­hart Gillen und Stephanie Barron aufgeschlagen, um möglichst aussagekräftige Deutschland-Bilder jenseits der gebetsmühlenhaft wiederholten Ost-West-Klischees von 1945 bis zum Fall der Mauer anzubieten. Am Anfang steht die bedingungslose Kapitulation: Otto Dix malt einen über und über mit Schwären versehenen „Hiob“ (1946), der fassungslos mit offenem Mund in den Himmel starrt und mit seinem Gott hadert. Hiob erweist sich als Sinnbild für jenen von Hannah Arendt bei ihrer ers­ten Deutschlandreise beschriebenen Typus des sich keiner Schuld bewussten Deutschen, über den das Unglück wie eine Naturkata­strophe hereingebrochen ist.

Text: Martina Jammers

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Kunst und Kalter Krieg

im Deutsche His­torische Museum, Ausstellungshalle von I.M. Pei, Hinter dem Gießhaus 3, Mitte,
tgl. 10-18 Uhr, 3.10.2009-10.1.2010

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