Kommentar

„Kunst und ­Zerstörung“ von Iris Braun

Eine der charmantesten Kunstaktionen dieses Sommer startete die 90-jährige Rentnerin Hannelore K. in Nürnberg.

Iris Braun

Sie machte mit dem Kreuzworträtsel-Kunstwerk des verstorbenen Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke das, was man mit Kreuzworträtseln macht: Sie füllte es aus. Nicht aus Unkenntnis, sondern weil dort eben „Insert Words“ auf der Collage steht. Riesenaufregung, Polizei, Fragen nach Schaden und Versicherung folgten. Ihr Anwalt sagt, Frau K. habe die Fluxus-Kunst als einzige richtig verstanden, nämlich als Kunst in Bewegung, und das Kunstwerk entsprechend weitergeführt.
Die Autorin dieser Zeilen hat sich letztens auch fast einer solchen Veränderung und  Weiterentwicklung eines Werks schuldig gemacht. Sie steckte zusammen mit ihrer Kollegin im Riesenpullover von Erwin Wurm in der Berlinischen Galerie kurzzeitig fest. Mit Wurms beruhigenden Worten im Ohr, er halte nichts von Ready Mades, die 80 Jahre durch die Museumslandschaft geistern oder in Tresoren von Sammlern verschimmeln, sondern nehme für seine One-Minute-Sculptures immer neues Material, gelang es nach und nach, sich wieder aus dem Pulli rauszuwinden – ohne das Werk zu zerstören. Ob man dem anwesenden Direktor Thomas Köhler bei anderem Ergebnis auch mit „haben das Werk gerade weiterentwickelt“  oder  mit „Wurms Arbeiten als einzige richtig verstanden“ hätte kommen können? Musste Gott sei Dank nicht ausprobiert werden.

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