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Kunsthaus Dahlem

Kunsthaus Dahlem

Drei Wochen vor Eröffnung der ersten Daueraus­stellung im denkmalgeschützten Gebäude am Käuzchensteig bedeckt der Baustaub noch Fenstersimse und Nischen, ein Teil der Fassade ist eingerüstet, unzugängliches Gelände abgesperrt. Valerie Senden, Manuel Wischnewski und Sylvia Sadzinski von Neue Berliner Räume haben am vierten Mai-Samstag zur Eröffnung der vorletzten Etappe­ ihres „Vorprogramms“ eingeladen. Bis zur regulären Eröffnung des Kunsthaus Dahlem bespielte die nomadische Kuratoreninitiative das bisher als Atelierhaus und Sitz der Bernhard-Heiliger-Stiftung genutzte Gebäude aus der Nazizeit. Neue Berliner Räume setzt sich mit der Aura ihrer Ausstellungsorte auseinander. „Uns war wichtig, dass ganz viele Geschichten mit diesem Gebäude verknüpft sind“, sagt Manuel Wischnewski. „Die Entscheidung, hier keine Künstler-Ateliers mehr zu fördern, war auch eine große Zäsur für das Haus.“

Hitler ließ das Atelierhaus 1939 für seinen favo­risierten Bildhauer Arno Breker in einem gerodeten Waldstück am Grunewald nach den Plänen Hans Freeses errichten. Wer die große Mittelhalle des Gebäudes mit den neun Meter hohen Decken und den sechs Meter in die Höhe reichenden Flügeltüren durchschreitet, spürt, dass hier vermeintlich Größeres geplant war. Breker, neben Josef Thorak der meistbeschäftigte Bildhauer der Nationalsozialisten, lieferte Bauplastiken für die gigantische „Herrenmenschen“-Architektur Albert Speers. Vorgesehen waren an dem lauschigen Plätzchen außerdem noch 20?weitere Ateliers regimetreuer Künstler sowie ein Wohnhaus für Breker. Bombeneinschläge und Platzmangel führten dazu, dass Breker die Herstellung seiner monumentalen Skulpturen in die noch größere Werkstatt im Brandenburgischen Wriezen verlegte, wo ab 1942 auch Zwangsarbeiter beschäftigt wurden – bis 1945. Nach dem Krieg nutzte die US-amerikanische Besatzungsmacht das beschädigte Gebäude, das 1949 wieder Atelier wurde. Bernhard Heiliger, der von 1938 bis 1941 an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Arno Breker studiert hatte, zog ein. Heiliger blieb dort bis zu seinem Tod 1995. Ein Jahr später gründete sich die Bernhard-Heiliger-Stiftung mit dem Zweck, das Wirken des Künstlers kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten. Im Garten vor dem Atelierhaus stehen einige seiner abstrakten Skulpturen.

Die Künstlerin Sonja Schönberger präsentiert am ersten Samstag der Sonderausstellung die Aufnahmen eines Interviews, das Andrй Müller Ende der 1970er-Jahre mit Arno Breker geführt hatte. Aus einem alten Kassettenrekorder schallte die leicht brüchige Stimme des noch immer von seinem Werk überzeugten Bildhauers durch sein altes Atelier, das er seit 1945 nie wieder betreten hatte. 1964 zog der erste von vielen internationalen Künstlern in das ­ehemalige Breker-Atelier: Emilio Vedova schuf im Mittelbau des Hauses sein „Absurdes Berliner Tagebuch“, heute im Besitz der Berlinischen Galerie. In den folgenden Jahren sollten weitere Künstlerinnen und Künstler, wie etwa Ay?e Erkmen und Jimmie Durham, durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst ihren Weg in die hohen Dahlemer Hallen finden. Wolf Vostell mietete sich in den 1980er-Jahren ein. Nebenan wurde auf den Fundamenten der nie gebauten Breker-Villa das Brücke-Museum errichtet, in dem von den Nazis verfemte Werke gezeigt werden.

Kunsthaus Dahlem

Nachdem in den 1970er-Jahren im Mittelteil des Gebäudes Zwischenböden gezogen und neun zusätzliche Atelierräume eingerichtet worden waren, gaben sich ­ganze Reihen von Kunstschaffenden die Klinke in die Hand, nicht wenige arbeiteten sich an diesem geschichtsträchtigen Ort ab – bis 2011 die Entscheidung der Berliner Kulturverwaltung fiel, das Gebäude in seinen ursprünglichen historischen Zustand zurückzuversetzen und ein Ausstellungshaus daraus zu machen. Gegen den Protest einer Künstlerinitiative, unterstützt vom Berufverband Bildender Künstler Berlin, die für die Weiterführung des Atelier­programms und eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Ort plädierte, wurden die Ateliers ge­schlossen. Die 2013 gegründete Atelierhaus Dahlem GmbH, Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung, ist nun Träger des Ausstellungshauses, gefördert aus Mitteln der Berliner Kulturverwaltung und der Lotto-Stiftung, die 1,2 Millionen Euro für den Umbau bezahlt.

Die Leiterin des Hauses Dorothea Schöne hatte mit Veranstaltungen im Vorfeld eine Verbindung zur kritischen zeitgenössischen Kunst hergestellt, doch der Schwerpunkt der Dauerausstellung wird die deutsche Moderne zwischen 1945 bis Anfang der 1960er-Jahre sein. Ein Bereich, der durch kein anderes Berliner Ausstellungshaus abgedeckt werde, sagt Schöne. Die Ausstellungen werden alle drei Monate wechseln. Den Anfang machen die Arbeiten von Karl Hartung, Hannah Höch, Jeanne Mammen, Karl Schmidt-Rottluff, Heinz Trökes, Fritz Cremer, Ruthild Hahne, Louise Stomps und anderen, deren Darstellung des Menschen sich grundlegend von der durch die Nazipropaganda verbreiteten Ideologie abgrenzte – auch dies kann eine Grundlage zur Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Gebäudes sein.

Text:
Constanze Suhr

Foto: Robert Conrad 2013 / Kunsthaus Dahlem; Privatsammlung Nachlass Hanna Bekker Vom Rath, Frankfurt am Main

Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8-12, Dahlem, ab 12.6., Mi–Mo 11–17 Uhr

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