Ausstellungen

Kunstkiez Potsdamer Straße – Teil 2

KunstperformanceGeradezu als sensationell ist der Umzug der Galerie Klosterfelde zu bezeichnen, die sich zwar nicht im Hinterhof versteckt, aber im Nachbarhaus, der Potsdamer Straße 93, in die erste Etage bittet. „Die Gegend ist zukunfts­trächtig und interessant unter anderem durch die Nähe der Neuen Nationalgalerie“, sagt Martin Klosterfelde, „aber entscheidend für den Umzug waren die Räume.“ Am 24. September werden die neuen Räume mit einer Gruppenausstellung eröffnet. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Nymphius Projekte in die Potsdamer Straße 70 ziehen und am 18. September mit einer Ausstellung von Andreas Golinski und Steven Parrino eröffnen. Und man möchte jede Wette annehmen, dass in nächster Zeit weitere renommierte Galerien dort Räume finden werden.
Thorsten Goldbergs „Reiterin“ sollte auf die natürliche Verbindung der Potsdamer Straße mit der Hochkultur am Kulturforum hinweisen. Dass der Sprung über den Landwehrkanal nun tatsächlich gelingt, liegt auch am neuen Wind, mit dem Udo Kittelmann, Leiter der Neuen Nationalgalerie, die Berliner Museumslandschaft durch­pustet. Er hat die Neue Nationalgalerie für die Sammlung Pietzsch neu gestaltet und lädt nun in die obere Etage zur Besichtigung von Thomas Demands Ausstellung „Nationalgalerie“. Er dokumentiert in seinen Fotografien Augenblicke von nationaler Bedeutung. Wer alt genug ist, erkennt das berühmte Foto der Badewanne, in der Uwe Barschel zu Tode kam. Die Fotos regen an, den im Kopf ablaufenden Film vor- und zurückzuspulen. Geschaffen hat Demand seine Ge­schichts­monumente, indem er die Szenarien für die Aufnahmen nachgebaut hat, um sie dann gleich wieder zu zerstören. Es sind also Dokumente des Wandels, sie bauen auf und werden zerstört, sie besitzen ein Vorher und ein Nachher. Und wenn man will, könnte man sie auch als malerische Stillleben mit fotografischen Mitteln bezeichnen.

Hinter der Neuen Nationalgalerie findet man in direkter Linie zu ihrem Gegenpol auf der anderen Seite des Tiergartens durch die kommunizierenden Röhren des Tiergartentunnels, den zwar noch niemand als installatives, massenwirksames und befahrbares Kunstwerk bezeichnet hat, der es aber trotzdem ist mit seiner Lichtillumination, seinen Geräuschen und mit seinem Licht am Ende des Tunnels.

Taucht man hinter dem Hauptbahnhof auf, setzt sich die Reise fort im Hamburger Bahnhof, wo der Mehltau der Sammlungen durch die Neuinszenierung unter der Leitung von Udo Kittelmann verschwunden ist. Zurzeit aber sind dort die Arbeiten der vier für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominierten Künstler Keren Cytter, Omer Fast, Annette Kelm und Danh Vo zu begutachten. Am 22. September wird entschieden, wer den Preis von 50.000 Euro bekommen und wer mit dem Publikumspreis belohnt wird. Sie haben sicher alle ihre Qualitäten. Mein Favorit ist Danh Vo aus Vietnam. Er hat auf dem Dach einen Garten angelegt mit Pflanzen wie dem Rhododendron, den ehemals französische
Missionare bei ihrer Rück­kehr aus Vietnam nach Europa eingeführt haben. Es geht ihm aber keinesfalls um die Romantik eines Gartens, sondern um die bis heute spürbaren Folgen einer Kolonialgeschichte. Objekte wie ein Schwert, ein Gewehr, ein hölzernes Grabmal weisen in anderer Weise auf die Vorgeschichte von Vietnam hin. Spekta­kulär ist
einKronleuchter aus dem Hotel Majes­tic in Paris, unter dem 1973 die Vietnam- Friedenskonferenz stattfand und den Danh Vo erwerben konnte.

Bathroom_von_Thomas_DemandDer Hamburger Bahnhof aber ist ohne die Galerieszene an der Heidestraße nicht mehr denkbar. Was dort zum Beispiel in der Galerie Loock der puerto-ricanische Maler Josй Lerma zeigt, der in New York zu Hause ist, macht ebenfalls deutlich, wie weit sich Malerei entwickeln kann. Die Bilder, auf dem Boden liegend und zusammengesetzt aus alten Teppichen, sind keineswegs
Recycling-Ware, sie sind kraft ihrer Materialität Aussagen zur Verwandlung einfachster Stoffe in Kunstwerke, wobei in diesem Fall das Publikum gleichzeitig Akteur im Spiel des Künstlers ist. Wenn man jetzt auch noch weiß, dass die Arbeit die Figur Karls II. von Spanien und das Motiv des Schamhaares umkreisen soll, wird man dieses Kunstwerk noch vorsichtiger betreten. Ein Geheimtipp darf am Ende der Achse des Guten nicht fehlen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Heidestraße treten Sie in völlige Dunkelheit. Mat Collishaw inszeniert bei Haunch of Venison „Submission: The End of Innocence“ – eine digitale Arbeit, die vor den Augen in Einzelteile verschwimmt und sich wieder zusammensetzt. Dabei handelt es sich um ein Bild von Francis Bacon, der selbst ein Papstbildnis von Velбzquez als Vorlage gebrauchte.

Kunst und Künstler erweisen sich in ihren Werken als lebendige Zeitmaschinen, die sich nicht um feste Orte oder Zeiten kümmern. Die Achse des Guten weist einen Weg für ein Berlin, in dem Begriffe wie Ost und West obsolet sind. Heutige Galeristen suchen Orte, die spannend sind, in denen das Umfeld stimmt. Sie wissen: Potenzielle Käufer finden
sie sowieso, egal wo sie sich in Berlin befinden. Ganz und gar nicht egal dürfte es aber sein, dass die Kunsthalle, sollte sie denn einmal gebaut werden, nur in diesem Umfeld des ständigen Wandels gebaut werden darf. Direkt neben dem Hauptbahnhof.


Text
: Qpferdach
Fotos
: Andrй C. Hercher; Thomas Demand: Badezimmer / Bathroom, 1997, C-Print / Diasec, 160 x 122 cm © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn

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