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Kunstkopf: Alicja Kwade

Kwade_c_schnitgerIhr Erscheinen hat etwas Erfrischendes. Wie ein Wirbelwind stürmt Alicja Kwade herein, leicht verspätet, weil sie in eine Verkehrskontrolle geraten ist. Tatsächlich ist der japanische Kleinwagen, den sie vor der Galerie parkt, nicht nur ein Auto, sondern auch ein Werk von ihr, und wird demnächst im Lentos Museum Linz gezeigt. Mag der „Nissan (Parallelwelten)“ nun doppelt existieren, im Alltag und in der Kunst, für die 33-Jährige sind das keine Parallelwelten. Sie braust im Kunstwerk durch die reale Stadt und chauffiert den Betrachter künstlerisch durch die Untiefen der Wahrnehmung. Mit ihren pulverisierten Champagnerflaschen, 555 Kilo Leergewicht aus einem Edelrestaurant zur grünlich schimmernden Pyramide aufgeschüttet, brannte sich die Künstlerin vor vier Jahren ins Gedächtnis. Gegenstände aus dem Alltag bilden den Ausgangspunkt ihrer physikalisch-philosophischen Untersuchungen. Anderen Bedingungen ausgesetzt, unterliegen sie einer Transformation und aktivieren den Verstand des Betrachters.

Da werden Kohlebriketts zum goldenen Hort, da biegt sich Glas und anderes starres Material in weichen, fließenden Formen. „Eine Annahme, etwa dass Glas zerbrechlich ist, wird verrückt“, sagt die in Hannover aufgewachsene Künstlerin, die seit 1999 in Berlin lebt und an der Universität der Künste studiert hat. Heraus kommt einer dieser schönen Überraschungsmomente, mit denen sie in ihrer Kunst die Erwartungen des Betrachters unterläuft. Sie weiß zu verblüffen, auch in ihrer neuen Ausstellung bei Johann König in Berlin, eine der wichtigsten jungen Galerien für zeitgenössische Kunst. Komplexe wissenschaftliche Theorien über die Beschaffenheit von Materialien und der Welt haben es ihr angetan. „Mich interessiert die Methodik der Wissenschaft, das Universum zu erkunden“, erklärt sie hellwach und fix wie der Blitz, vor allem „das große Urproblem“: was das alles soll. „Worum dreht sich die Welt? Was versuchen wir herauszufinden? Und was haben wir Säugetierchen da für Möglichkeiten?“ Fragen wie die, warum wir glauben, was wir sehen, wo doch „die Realität eigentlich eine Annahme ist“, beschäftigen sie.

Alicija_Kwade_c_Roman_Maerz_Johann_Koenig_Berlin„Wir kommen niemals irgendwo an, weil wir uns im Kreise drehen“, sagt die Künstlerin, die inzwischen so erfolgreich ist, dass sie von ihrer Kunst leben kann. Ihre raumfüllende Installation „Die Gesamtheit aller Orte“ bei Johann König stellt so eine labyrinthische Kreis-Situation vor. Der Titel stammt aus der Physik und bezeichnet eine Bahnkurve. In Alicja Kwades Umlaufbahn stehen die Dinge jedoch fest am Boden, statt sich zu bewegen: ein Fahrrad, eine Tür, ein Tor, Fenster, Eisengitter, Spiegel, Metallplatten, leicht und luftig angeordnet. Der Besucher, der die Installation betritt, befindet sich in einer Spirale – „wie in einem Viehzuchtkreis“, bemerkt die Bildhauerin fröhlich. Es ist der Tanz ums goldene Kalb, den die in Kattowitz geborene Tochter eines Galeristen und einer Kulturwissenschaftlerin hier neu inszeniert. Wir sind sozusagen die Rindviecher. Vorbei an einzelnen Euro-Münzen führt der Trott zum Dreh- und Angelpunkt, der das Rad am Laufen hält. Dort steht eine verbogene 1-Euro-Münze am Boden: ramponiert, aber aufrechter als die Währung im Augenblick.

„Sie ist lächerlich winzig im Vergleich zu den anderen Elementen und trotzdem der größte Realmotor.“ Einer von vielen gescheiten Gedanken, denen sie in ihren Zeit- und Raumverformungen physische Gestalt verleiht. Das ist so einfach wie einprägsam, komprimiert die Pragmatikerin doch gern. „Ich versuche, so wenig zu machen wie nötig, was die formale Ausarbeitung anbelangt.“ Natürlich in der Hoffnung, dass dies umso mehr den Assoziationsraum beflügelt, den ihre lapidar anmutenden Werke eröffnen. So ergeht es dem Betrachter auch am Eingang. Dort weist ein Spiegel-Objekt den Weg. Ein langer Messingstab bohrt sich bedrohlich ins Bild. „15.4.1931“, dieses titelgebende Datum fand Alicja Kwade auf der Rückseite des Fundstücks. Das Wissen und der Zufall rufen noch andere Erinnerungen wach als die blanke Reflexionsfläche. Es gab Generationen vor uns, die auch schon rätselten: Ist das, was wir sehen, nun das, was es ist, oder doch nur das, wofür wir es halten? Die Künstlerin spielt mit der Antwort.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Harry Schnittger, Foto Ausstellung: Roman März / Johann König

Alicja Kwade: In Circle Galerie Johann König, Dessauer Straße 6-7, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 17.3.

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