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Ausstellung „Künstlerfürsten: Liebermann. Lenbach. Stuck“ in Berlin

Lenbach_mit_Frau_und_ToechternAls im vergangenen Herbst in einer konzertierten Aktion die Staatlichen Museen zu Berlin den „Kult des Künstlers“ zelebrierten, blieb dessen extreme Zuspitzung zur Zeit des Fin de Siиcle merkwürdig unterbelichtet. Als sich da­mals in Wien, München und Berlin die großbürgerliche Gesellschaft mit Schampus zunippte, um den Künstler als letzten Heros hochleben zu lassen.
Natürlich feierten die erlauchten Kreise damit vor allem sich selbst, sahen ihren kultivierten Geschmack, ihre Grandezza und ihr Genie im Künstler verlängert und also repräsentiert. Nicht zuletzt wurden die gefeiertsten Vertreter dieser Spezies dazu auserkoren, die Spitzen der Gesellschaft – vom Bankier über die bildhübsche adlige Dame bis zum Reichskanzler – mit dem Pinsel adäquat zu verewigen. Auf Au­gen­höhe mit ihren Auftraggebern residierten und inszenierten sich die Künstler wie Fürsten, was sie folgerichtig zur Spezies der „Künstlerfürsten“ avancieren ließ. In München hießen sie Franz Lenbach und Franz Stuck, wurden von der bayrischen Krone konsequenterweise bald in den Adelsstand erhoben.

Ihr Pendant in Berlin hieß Max Liebermann, doch lag eine offizielle Anerkennung wegen der schlechten Beziehungen zwischen dem Sohn aus gutem jüdischen Hause und Wilhelm II. außerhalb des Möglichen. „Doch adelten Liebermann Titel und Ämter, die auch die beiden anderen zahlreich verliehen bzw. übertragen bekamen“, resümiert Anke Daemgen, Kuratorin der aktuellen Ausstellung über „Künstlerfürsten: Liebermann. Lenbach. Stuck„.

Obwohl die Zusammenstellung staunen macht, die Lackmusprobe des „Künstlerfürsten“ im Falle Liebermanns nicht sogleich einleuchtet: Es ist eine inspirierende Versuchsanordnung über das Maler-Triumvirat herausgekommen – drei Künstlerbiografien in den Tagen des „Experiments Weltuntergang“, wie Karl Kraus einst treffend den Countdown der hochgestimmten Duseligkeit der Belle Йpoque, den Tanz auf dem Vulkan zusammenfasste. Der Habitus einte einst die drei Künstlerfürsten von der Isar bzw. Spree, legten sie doch gesteigerten Wert auf ihr Erscheinungsbild, trugen selbst beim Arbeiten im Atelier einen Gehrock oder gar einen kompletten dreiteiligen Anzug. Im Falle der beiden Münchner Kollegen lässt sich dieser Hang zum Überkorrekten herleiten als Kompensation ihrer Herkunft. Auch wenn Lenbach (1836–1904) bis heute immer wieder eine atemberaubende Karriere vom Schrobenhausener Bauernbub zum Münchner Malerfürst angedichtet wird und er faktisch der Sohn des Stadtmaurermeisters war, der es durchaus zu bürgerlichem Wohlstand brachte, so wurde Franz Stuck (1863–1928) als Sohn eines Dorfmüllers geboren.

Demgegenüber bewegte sich Max Liebermann (1847–1935) als Spross eines jüdischen Großin­dus­triellen sogleich in jener High Society, zu der die beiden anderen energisch strebten. Von kaum zu unterschätzender Bedeutung für seine Karriere war Stucks Mitgliedschaft im Künstlerclub Allotria ab 1888, die unter ihrem Vorsitzenden Franz von Lenbach die renommiertesten Münchner Kunst- und Kulturmilieus versammelte, mit denen Stuck bereits im Alter von 25 Jahren bei Bier und Tarock verkehrte. Die Maxime des Parvenü Stuck, „Der Künstler verkehrt mit dem Hof, dem Adel und der höchsten Beamtenschaft auf gleichem Fuße“, war beim kleinen Max sogleich greifbare Realität. Sympathisch, wie wenig sich daher der 45-jährige Liebermann um seine Aura scherte, als ihn 1892 die Künstlerkollegin Sabine Lepsius in seinem Hinterhofatelier aufsuchte. In ihrer lesenswerten Biografie „Ein Berliner Künstler­leben“ beschreibt sie ihren Weg über eine „scheußliche Hintertreppe“ hin zu einer „ganz gewöhnlichen Stube“ voller kleiner schmieriger Fenster, die als Liebermanns Atelier firmiert: „Unglaublich schmutzige Gegenstände liegen umher; u.a. ist eine ganze Garderobe von Kleidern ausgebreitet, die offenbar von Portierfrauen, Tiergartenfegerinnen und Straßenkehrern entstanden sind.“

Dieses – unvermutete – Zillemilieu steht in einem offensichtlichen Kontrast zu Lenbachs pompöser Anmietung einer ganzen Etage im prachtvollen und teuren Palazzo Borghese während dessen Rom-Aufenthalt sowie zum an­schließenden Bau seiner Münchner Stadtvilla im italienischen Renaissancestil. Stuck wusste, dass er das in der bayrischen Metro­pole omnipräsente Vorbild des Künstlerfürsten nur toppen konnte, wenn er einen ähnlich repräsentativen Wohnsitz gestaltete: Die im antikisierenden Stil gebaute Villa Stuck in der Prinzregen­tenstraße ist „erschreckend großartig“ – nach den Worten seines Schülers Paul Klee – mit ihrem überbordenden Hang zum Ge­samt­­kunstwerk, in dem sich Leben, Architektur, Kunst, Musik, Theater und Narzissmus zu einem ästhetischen Amalgam verdichten. So scheute sich Stuck nicht, die Schergen eines Barockgemäldes, das die Enthauptung des Johannes darstellt, mit einem kräftigen Rot zu übermalen, um einen farbigen Akzent im Empfangsfo­yer seiner Villa zu setzen. Wie nobel zurück­haltend nimmt sich da Liebermanns Stadtwohnung am Pariser Platz 7 aus, deren Filetlage am Brandenburger Tor er Ortsunkundigen beschreibt: „Gleich links, wenn man nach Berlin reinkommt.“

Lesen Sie weiter in tip 09/09 auf Seite 56/57

Text: Martina Jammers

Fotos: Staedtische-Galerie-im-Lenbachhaus-Muenchen

Max Liebermann Haus
Pariser Platz 7, Mitte, Mo, Mi-Fr 10-18 Uhr,
Sa+So 11-18 Uhr, bis 5.7.2009

 

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