Ausstellungen

Kunstorte im Wedding

Stadttbad_WeddingDie Schererstraße Nummer acht im Wedding sieht noch so aus wie vor fünf Jahren. Ladenfronten sind vollgeklebt mit Plakaten und Plaketten, unter den handgeschriebenen Hinweisschildern verweist eines auf die Öffnungszeiten der Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“. Hier zelebriert ein linkes Hausprojekt von etwa 50 Personen mit Konzerten, Diskussionen, Brunch und Ausstellungen weiterhin die Off-Szene des Kiezes. In der Nachbarschaft leuchten die Galerienschaufenster der Nummern neun, zehn und elf wie gerade gelandete Ufos. Die restliche Straße liegt im Halbdunkel, und die neuen White Cubes strahlen von einer verheißungsvollen Zukunft. Hier, wo sich bis zum Beginn von Sanierungen im Jahr 2007 in heruntergekommenen Altbauten mit dem legendären Kaffee Schmidt, einem Plattenladen, der Galerie Lifebomb und der Scherer8 ein reges Kiezleben entfaltet hatte, soll nun eine neue „Kunstmeile“ entstehen.  

In der HF Contemporary Art London-Berlin, wo die Galeristin Helga Fox in der Nummer elf die Ausstellung des Berliner Künstlers Jens Reulecke eröffnet, werden Begrüßungsdrinks für die Besucher gereicht. Vor dem Fenster laufen gebückte Passanten eilig mit ihren gelb-roten Supermarkttüten vorbei und werfen nur einen kurzen Blick in die Lichtquelle. Thomas Henriksson (Foto rechts), der seit 2005 sein Atelier ein paar Querstraßen weiter in der Wiesenstraße hat, kommt ab und zu hierher zu Ausstellungseröffnungen, vermisst aber die Lebendigkeit alter Zeiten. „Die Schererstraße war fantastisch, aber damals war es ein Ausnahmezustand.“ Inzwischen geht er abends lieber nach Mitte. „Seit ich hier wohne, gibt es alle halbe Jahre in irgendeiner Zeitung einen Artikel, in dem steht, der Wedding wäre super angesagt. Danach kommen dann jede Menge Leute, gucken sich das an, und nach drei Monaten sind alle wieder weg. Inzwischen sind mindestens doppelt so viele Künstler hier wie vor fünf Jahren, aber merken tut man das eigentlich nicht.“

AtelierDer finnische Künstler Jarkko Räsänen beaufsichtigt in der Galerie Satellit in der Schererstraße 9 seine eigenen und die Arbeiten Oliver Dignals. Er kam über die Hochschule für Gestaltung Offenbach nach Berlin, die hier Räume als Ausstellungsort und Künstler­residenz gemietet hat. Auf die Frage nach einem Cafй in der Nähe weiß er keine Antwort. Er selbst fährt lieber nach Neukölln. Creixell Espilla-Gilart von der Galerie Vierter Stock preist dagegen den leckeren Kaffee aus dem türkischen Imbiss an der Ecke an. In ihrem Projektraum in der Schererstraße 10, den sie zusammen mit Dirk A. Meixner managt, stellt sie gerade Arbeiten des 25-jährigen englischen Künstlers Edwin Walker aus, in altmeisterlicher Manier gemalte Bilder böse zugerichteter Menschen.

Unter dem Namen „Second Home“ haben sich zwei private Investoren darangemacht, das Viertel mit „innovativen Wohn- und Gewerbeimmobilien, Kulturprojekten und Galerien zu verändern“. Als Beispiel ihrer weiten Voraussicht gibt die GD Real, eine der beiden Second-Home-Initiatoren, deren Investitionen vor 15 Jahren in Mitte und Prenzlauer Berg an. Das ist allerdings nicht unbedingt ein gutes Omen. Zur Förderung der kulturellen Entwicklung des Weddinger Kiezes hat Second Home 2009 begonnen, zehn Gewerberäume in den sanierten Altbauten an Künstler und Kunstinstitutionen zu günstigen Konditionen zu vermieten. Durch Ausstellungen und Events soll Publikum angezogen werden und die Lebensqualität im Viertel steigen. Neben den Gebäuden in der Schererstraße gehören auch zwei Altbauten ein paar Querstraßen weiter zu Second Home. In der Oudenarder Straße Nummer 30 und 31, nicht weit von den Osramhöfen, wo die renommierten Galerien Max Hetzler und Guido Baudach residieren, wurden ebenfalls Atelierräume geschaffen.

Eike Heinrich, die nach ihrem Abschluss an der privaten Kunstschule Kunstgut in der  Kreuzberger Glogauer Straße mit zwei Kommilitonen zusammen ein Atelier gesucht hat, bereitet gerade die Einweihung ihrer Räume vor. „Wir waren auch in der Gerichtstraße 23. Aber da gab es keine Heizung, keine Toilette, kein fließendes Wasser. Das hätten wir alles selber einbauen müssen, das kann man nicht stemmen. Ich fand es toll, dass hier alles top saniert war und trotzdem bezahlbar ist. Das ist schon was Besonderes.“ Den Kiez findet sie nach ein paar Monaten Aufenthalt viel positiver als erwartet. „Vielleicht auch, weil hier noch andere Künstler sind, sodass immer ein bisschen Leben ist.“ Für die Zukunft plant sie, mit anderen Künstlern der Oudenarder und der Schererstraße regelmäßig Offene Ateliers zu veranstalten. …

Den gesamten Texte der tip-Autorin Constanze Suhr lesen sie in der aktuellen Ausgabe des tip 07/2011.

Fotos: Harry Schnittger, Constanze Suhr

Ausstellungen:

Timespace Wiesenburg Ulrika Segerberg u.a.; Wiesenstraße 55, Sa 26.3., 18-24 Uhr, Performance 19+21 Uhr, So 27.3., 14-17Uhr

Ballistics Edwin Walker, Vierter Stock Projektraum, Schererstraße 10, bis So 3.4., Do-Fr 16-20 Uhr, Sa 14–18 Uhr

Genuinus Oliver Dignal, Jarkko Räsänen, Satellit, Schererstraße 9, bis So 20.3., Fr 16-20 Uhr, Sa+So 12-20 Uhr

Neofaschismus in Deutschland Scherer8: Sa 19.3., 17-20 Uhr Finissage, anschl. Party; www.neofa-ausstellung.vvn-bda.de

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