Ausstellungen

Kurator Anselm Franke über die Ausstellung „Animismus“

Anselm_Franke_c_harry_schnitgerHerr Franke, wie haben Sie erkannt, dass „Animismus“ ein Ausstellungsthema sein kann?
2006 habe ich realisiert, dass der Animismus an ganz vielen neuralgischen Punkten in der Anthropologie und Psychologie auftaucht, und als Kurator befasse ich mich schon lange mit Grenzen. Der Animismus interessiert mich, weil er die Grenzen unserer Vorstellung markiert. Als ich merkte, dass sich über den Begriff und seine Geschichte das Verhältnis von Ästhetik und Politik neu befragen lässt, wurde das Projekt geboren. Dabei versuche ich, das Mystische als solches nicht zu behandeln, sondern die Grenzziehung zwischen Alltäglichem und Mystischem, Rationalem und Irrationalem selbst.

Was bedeutet „Animismus“ – die belebte Seele, das Geistige?
Der Begriff entwischt, sobald man versucht, ihn zu definieren. Was ist Seele, was ist Leben? Diese Fragen streift er ebenso wie das Thema Religion, aber er wirft einen immer auf die eigenen Grundannahmen zurück. Eigentlich wurde der Begriff erfunden, um eine ursprüngliche Religion der Menschheit zu bezeichnen, in der der Kosmos beseelt ist, bevölkert von verschiedenen Wesen. Daraus wurde schnell ein Werkzeug der Europäer, die Weltsichten von mehr als 40 Prozent der Erdbevölkerung zur Fiktion oder gar zur kognitiven Fehlleistung zu erklären, weil dort die Welt nicht so aufgetrennt wird, wie es die Moderne verlangt.

Das zeigt die Ausstellung?
Ja. Wir präsentieren verschiedenstes Hintergrundmaterial zur Geschichte des Begriffs und seiner Rolle in der Moderne. Nehmen Sie zum Beispiel Candida Höfers Fotoserie, aufgenommen in ethnografischen Museen. Sie zeigt, dass das Museum der Ort einer De-Animation, der Objektivierung, ist. Alles, was in das Museum eintritt, ist nicht mehr lebendig, sondern wird konserviert. Auf der anderen Seite erfahren die Dinge im Museum auch eine Form der Re-Animation, zumindest in Bezug auf die Fantasie. Sonst würden ja nicht Abertausende auf Mumien oder Dinosaurier-Skelette schauen.

Ist die Kunst nicht sowieso Konserve oder, anders gefragt: Birgt nicht alle Kunst Animismus?
Sie ist ambivalent. Einerseits ist sie Konserve, andererseits animiert sie einen ja – so weit, dass wir uns manchmal fragen, ob sie nicht ein Eigenleben führt.

Sind Sie ein Mensch mit Sinn fürs Übernatürliche?
Nein, ich bin ein eher rationaler Mensch. Es ist die Art und Weise, wie wir Natürliches von Übernatürlichem trennen, die ich nicht akzeptiere. Analog dazu geht es in der Schau darum, den Animismus als eine Praxis und nicht als Glauben zu präsentieren.

Was erwartet die Besucher?
Eine komplexe, visuell attraktive Ausstellung, die von Walt Disney bis zu Marcel Broodthaers ein breites Spektrum vorführt, die Frage, was Animismus ist, aber offen lässt. Das Grundmotiv spiegelt sich in der Arbeit von Ken Jacobs, einem Avantgardefilmer. Er zeigt eine Stereoskopie aus dem 19. Jahrhundert, die mit minimalen Mitteln animiert wird. Dabei erscheinen schwarze Arbeiter auf einer Baumwollplantage, die sich im Pflücktakt bewegen. Die meisten bildenden Künstler arbeiten auch als Filmemacher. Umgekehrt sind Leute wie Sergej Eisenstein auch bildende Künstler. Insgesamt habe ich rund 30 Künstler ausgewählt.

Anselm_Franke_c_harry_schnitger_1Gibt es viel Film in der Schau?
Ja. Von Chris Marker und Alain Resnais etwa zeigen wir „Statuen weinen auch“. Sie beobachteten 1953 afrikanische Statuen auf ihrem Weg von Afrika in europäische Museen, wo sie die Gefangenschaft antreten oder zu Waren auf dem Kunstmarkt werden.  

Mit Arbeiten wie diesen wollen Sie ein „ethnologisches Museum der Moderne“ kreieren. Huldigt dieser Schwerpunkt dem Erbe Alexander von Humboldts?  
Gemeint ist, dass wir wie Ethnologen auf die Moderne schauen. Wir zeigen keine ethnologischen Artefakte, sondern wir schauen auf diese merkwürdige Gesellschaft und ihre seltsame Unterscheidung in normal und pathologisch, modern und primitiv, rational und irrational.

Müssen dabei die Grenzziehungen zwischen Kultur und Natur neu gedacht werden?
Ja. Zumindest wird deutlich, dass diese Grenze selber in Bewegung ist. Wir können ja nicht anders, als zum Beispiel den Klimawandel als ein kulturelles Phänomen zu verstehen und nicht nur als ein natürliches. Aber dass diese und andere Grenzen, die die Moderne prägten, neu gedacht werden müssen, darüber sind sich ja viele einig. Nur wie etwas neu denken, das zu einer gewohnten Form der Wahrnehmung geworden ist? Darauf versucht die Ausstellung eine Antwort zu geben! Sie zeigt, dass die Grenzen anders gezogen werden können, dass es aber die europäisch-moderne Tradition ist, die sich damit sehr schwertut.

Wo zeigt sich denn der Animismus in der Kunst?
Im Grunde genommen ist alle Kunst animistisch, solange sich jemand findet, den sie animiert.

Sie vermessen einen großen Zeitraum – von Walt Disney bis zu Lars Laumanns Video der „Berliner Mauer“. Nach welchen Kriterien haben Sie die Arbeiten ausgewählt?
Ich wollte, dass kein Werk den Animismus repräsentiert oder illustriert, aber jedes an die Grenzen der Vorstellung rührt. Nehmen Sie die Protagonistin in Laumanns Video. Er zeigt eine Frau, die von der Berliner Mauer nicht lassen kann. Selbst zu Hause in Norwegen lebt sie diese seltene Form von Objektsexualität, die sie immer wieder nach Berlin treibt. Wie man so verliebt in eine Mauer sein kann, übersteigt das Vorstellungsvermögen und verletzt unseren Sinn für Ordnung. Da wird deutlich, dass noch in der Reaktion der Betrachter – dem Lachen – eine körperliche, „grenzstabilisierende“ Maßnahme zu sehen ist.

Das wird eine anspruchsvolle Themenschau.
Sicherlich. Die Schau rührt an viele Themen, die in der Gegenwart wichtig sind, aber auch historisch. Etwa an die Debatte über das Humboldtforum. Die Grundbedingungen, unter denen hier anderen Kulturen ein „Dialog“ von uns angeboten wird, stehen ja selbst nicht zur Verhandlung – leider. Darüber einen „Dialog“ zu führen ist auch ungleich schwerer. Diese Bedingungen und Hintergrundannahmen sind es aber, die ins Blickfeld gerückt werden müssten. Das sehe ich als Aufgabe des Hauses der Kulturen der Welt.

Fragen: Andrea Hilgenstock

Foto Anselm Franke: Harry Schnittger

 

Animismus
im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten,
Mi–Mo 11–19 Uhr, 15.3.–6.5.2012

 

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