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Lбszlу Moholy-Nagy: „Kunst des Lichts“ im Martin-Gropius-Bau

NagyLässig lümmelt sich Oskar Schlemmer im leichten Sommer­outfit vor einen Zaun. Die flirrende Hitze wird auf dem Foto intensiviert durch das fein gewirkte Schattenspiel des Maschendrahts, das sich um die Figur schmiegt. Die Perspektive: Extrem von oben. Derart steile Unter- und Aufsichten sind Moholy-Nagys Spezialität, wie etwa der Blick himmelwärts zu den berühmten Balkonen des Bauhauses Dessau oder herunter vom Berliner Funkturm auf ein schneebedecktes Rondell. Der in Ungarn geborene Lбszlу Moholy-Nagy (1895-1946) nahm die Etymologie des Wortes „Fotografie“ ganz wörtlich, nämlich „Schreiben mit Licht“. Folgerichtig ersann er das „Fotogramm“: das Fotografieren ohne Kamera. Mehr oder weniger transparente Gegenstände werden zwischen einen lichtempfindlichen Film oder Fotopapier einerseits und eine Lichtquelle andererseits platziert und dann belichtet.

Je nach Abstand der Objekte von der Lichtquelle variieren dabei die Konturen des Schattens. Schwerelos schweben florale Gebilde mit Blüten und Blätterzacken oder Vogelfedern durch den Raum. In den späten 20er-Jahren entrollen sich Spiralen und Schnüre auf dem Fotopapier, kollidieren Eier mit abstrakten Pfeilen. Es ist die schiere Lust an der Form, die den Künstler antreibt. Er kritisiert die „Bildhaftigkeit“, die in der Pictorialfotografie der Malerei nachtrachtet, und erkennt die Serialität als wesentliches Merkmal fotografischer Praxis. Welch eine Fügung, dass Moholy 1929 intensiv die legendäre Ausstellung „Film und Foto“ vorbereitete, die im gleichen Jahr im Gropius-Bau gezeigt wurde. Von den insgesamt rund 1?000 Aufnahmen sind nun ein Drittel wieder am Originalschauplatz zu sehen.

Das Licht avancierte zur „Matrix“ von Moholys Schaffen, wie es Kuratorin Oliva Maria Rubio ausdrückt. Es spielt in seinen Gemälden die zentrale Rolle wie auch in seinen Filmen und spektakulären Bühnen­bildern zu „Hoffmanns Erzählungen“ für die Berliner Kroll-Oper oder für Piscators politisches Theater. Vermutlich war er so experimentierlustig, da er als Autodidakt begann. Nach der Zerschlagung der ungarischen Räte­republik 1919 gelangt der Jurastudent mit künstlerischen Ambitionen über Wien nach Berlin. Seine frühen Fotomontagen versprühen dadaistischen Esprit und sind durch energetische Linienbündel oder rasante Talfahrten dynamisch aufgeladen. Sie spiegeln das Temperament des Gesamtkünstlers wider, der in seinem programmatischen Essay „Malerei Photographie Film“ davon überzeugt war, dass der Mensch in jeder Epoche dann seinen Höhepunkt erreiche, „wenn die Funktionsapparate – die Zellen wie die kompliziertesten Organe – bis zur Grenze ihrer biologischen Leistungsfähigkeit benutzt werden“ …

Den gesamten Artikel von Martina Jammers lesen sie in der aktullen tip-Ausgabe 24/2010.

Lбszlу Moholy-Nagy: „Kunst des Lichts“ Martin-Gropius-Bau, bis 17.1.2011

Fotos: Bild-Kunst Bonn 2010

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