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Leiko Ikemura im Haus am Waldsee

Leiko Ikemura im Haus am Waldsee

Ein schmales, aber raffiniert konstruiertes Gebäude mit Lichthof und Oberlicht ist das Kreuzberger Atelierhaus Leiko Ikemuras, das ihr Mann Phillipp von Matt entworfen hat. Im hinteren, größten Raum herrscht ein kontrolliertes Durcheinander, es riecht nach Lösungsmittel. Drei große Gemälde für ihre kommende Ausstellung lehnen noch an der Wand des Ateliers. Es sind kosmische Landschaften in Tempera auf Jute gemalt, die von geisterhaften Mischwesen bevölkert sind, als hätten sich hier die Götter des Shintoismus versammelt.
Geboren und aufgewachsen ist Ikemura im japanischen Tsu, einer kleinen Stadt am Pazifik. Der Blick über das Meer zum Horizont, dieser Linie, die es eigentlich nicht gibt, hat die Künstlerin geprägt: Die ewige Annäherung ohne ein wirkliches Zusammenkommen und die Sehnsucht nach Unendlichkeit spiegeln sich ständig in ihren Arbeiten wider.
1972 ist Ikemura als Studentin der spanischen Literatur nach Granada und Salamanca ausgewandert, um die Mittelmeerkultur kennenzulernen und das Unbekannte zu erobern. In Sevilla studierte sie 1973-78 als einzige Ausländerin Malerei und Bildhauerei. „Damals war das sehr mutig“, sagt die Künstlerin, die sich ohne Stipendium auf den Weg gemacht hatte und sich mit Übersetzungsjobs, dem Verkauf von Farben und Kunstschulunterricht über Wasser hielt. Warum sie 1979 in Zürich gelandet war, erklärt die Künstlerin geheimnisvoll lächelnd mit persönlichen Gründen. Viel wichtiger ist, dass in der Schweiz der echte Kulturschock erfolgte. Das sei ein größerer Kontrast gewesen als zwischen Spanien und Japan. 1983 wurde sie als Stadtzeichnerin nach Nürnberg eingeladen. Eine Japanerin, die Schweizerdeutsch spricht, war für die Nürnberger sehr ulkig, berichtet Ikemura lachend.
1991 kam sie für eine Professur an der UdK nach Berlin, die sie 2015 beendete. „Ich habe gesagt: Ich gehe und Ai Wei Wei kommt. Aber das war Zufall, ich hab’s nicht mit ihm abgesprochen“, erklärt sie schmunzelnd. Ein entscheidendes Datum war für Ikemura 2011. Die Freude über ihre große Retrospektive im Nationalmuseum in Tokio als eine der ersten lebenden Künstlerinnen in diesem Museum wurde von dem Schock über den Reaktorunfall von Fukushima wenige Monate zuvor überschattet.
Im ersten Geschoss des Atelierhauses befindet sich eine Art Konferenzraum, in dem das Modell der Ausstellungsräume vom Haus am Waldsee steht. Ikemura pinnt winzige Kopien der großen Gemälde aus dem Erdgeschoss an die Modellwände. Die kosmischen, inneren Landschaften sollen den Kreislauf der Ausstellung um Werden, Blühen und Vergehen eröffnen. Dazu klebt sie kleine Papiermodelle ihrer Skulpturen auf den Pappboden.
Die Künstlerin arbeitet schon lange in den unterschiedlichsten Medien, zeichnet mit Pastell und Kreide, malt mit Tempera, Aquarell und Öl, stellt Monotypien, Fotos und Filme her, Plastiken aus Terrakotta, Keramik und Bronze, und schreibt außerdem Gedichte. Ikemura interessieren Zwischenzustände: Wachen und Träumen, das Zwielicht zwischen Tag und Nacht. In den 1990er Jahren wurden heranwachsende Mädchen zu ihrem Hauptmotiv – verletzliche Körper im Übergang zwischen Kind und Frau, fragile, schwebende Wesen, in ihrer eigenen Welt versunken.
In einem anderen Ausstellungsabschnitt zeigt ihre Marine-Serie in Öl auf Leinwand in dunklem nächtlichen Blau den destruktiven Eingriff der Menschen in die schöpferischen Kräfte. Das Drama der Menschheit sei ihr eigentliches Thema, erklärt die Künstlerin. Dieses Werden und Vergehen, sich annähern und distanzieren, soll in einem Kreislauf die Ausstellung bestimmen.

Text: Constanze Suhr

Foto: Helenio Barbetta

… und plötzlich dreht der Wind. Leiko Ikemura?
Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Dahlem, Di–So 12–18 Uhr, bis 17.4.

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