Ausstellungen

„lens-based sculpture“ in der Akademie der Künste

lens-based sculpture

tip Herr Ecker, ist das etwas Neues für Sie, die Bildhauerei durch das Auge der Fotografie zu betrachten?
Bogomir Ecker Nein, die Auseinandersetzung mit der Fotografie bestimmt die Kunstpraxis schon länger. Das ist ein evidentes Verhältnis, das im frühen 20. Jahrhundert beginnt. Ich fotografiere selber nicht, sondern bin Bildhauer, habe allerdings ständig mit Fotografie zu tun wie wir alle. Jeder versucht mittlerweile, durch die Linse die Realität wahrzunehmen. Fotografie prägt unsere Wahrnehmung wie nie zuvor.

tip Wie kam es zu der Idee, in „lens-based sculpture“ erstmals das Verhältnis von Fotografie und Skulptur aus der Perspektive der Skulpturgeschichte darzustellen?
Bogomir Ecker Interessanterweise hat noch keiner die Veränderung der Skulptur durch die Fotografie in einer Ausstellung umfassend beleuchtet. So stand am Anfang ein Forschungsvorhaben zwischen Raimund Kummer und mir an der Kunsthochschule Braunschweig, wo wir beide lehren.

tip Neben dem Künstler Raimund Kummer haben die Kunsthistoriker Herbert Molderings und Friedemann Malsch die Schau erarbeitet. Wollen Sie eine These aufstellen?
Bogomir Ecker Nein, Ausstellungen, die Thesen aufstellen, denen man dann folgen muss, halte ich für langweilig. Es ist viel interessanter, Türen aufzustoßen, die dem Betrachter einen speziellen Erfahrungsraum öffnen. Das führt am Ende auch zu neuen Einsichten.

lens-based sculpture

tip Können Sie ein Beispiel nennen? Als Highlight wird die Rekonstruktion von Marcel Duchamps „Porte Gradiva“ (1937) als durchschreitbare Tür angekündigt.
Bogomir Ecker Das Wesentliche ist, dass mithilfe der Fotografie eine epochale Veränderung stattfand, nämlich das Verlassen des statuarischen Prinzips und das Hineinbegeben der Skulptur in ein offenes Feld von Möglichkeiten.

tip Wie macht sich das konkret bemerkbar?
Bogomir Ecker Es beginnt mit einer Wahrnehmung, die nur mittels Fotografie und Film sichtbar wird. Unser Auge sieht die Bewegung im Raum, aber nicht die zusammengefasste Bewegung. Angeregt durch die wissenschaftliche Fotografie Ende des 19. Jahrhunderts, wird durch die Futuristen und Duchamp die Skulptur maßgeblich verändert. Ab den 70er-Jahren kommt noch eine andere Form der Bewegung durch die erweiterte Skulptur ins Spiel. Die Bildhauer verlassen nicht nur den Sockel, sondern bewegen sich in neue Räume. Da wird Skulptur zu einer komplexen Versuchsanordnung mit allen denkbaren Materialien. Sie erobert alle gesellschaftlichen Räume. Von der Wüstenlandschaft bis zu allen möglichen urbanen Situationen können nun plastische Interventionen entstehen und immer ist die Fotografie mit im Spiel. Fotografie und Film werden zum elementaren Transportmittel der Skulptur und der plastischen Handlung.

tip Eine Chronofotografie von 1891 zeigt den Wissenschaftler Йtienne-Jules Marey, der einen flexiblen Stab vibrieren lässt. Ist das schon Skulptur?
Bogomir Ecker Nein, aber es macht einen räumlich-plastischen Vorgang sichtbar, den wir ohne die Fotografie so nicht wahrnehmen.

tip Welche Kriterien hatten Sie bei der Auswahl der 200 Arbeiten von 70 Künstlern?  
Bogomir Ecker Der Themenkomplex ist unglaublich vielseitig und umfasst fast alle künstlerischen Bereiche. Es war also notwendig zu fokussieren. Wir haben Teile der Konzeptkunst weggelassen und uns auf die Auseinandersetzung mit der erweiterten Skulptur konzentriert – auf Materialität, Sinnlichkeit und physische Präsenz.

lens-based sculpture

tip Sie laden auch in einen Denkraum ein?
Bogomir Ecker Das sind zwei Räume, die die Recherchen von Raimund Kummer und mir illustrieren. Was wir in dreijähriger Vorbereitungszeit zusammengetragen haben an Büchern, Fotografien, Dia-Projektionen und Filmen, ist dort zu sehen. Auch Arbeiten von Künstlern, die nicht mit Exponaten vertreten sind, aber assoziativ Verbindung aufnehmen.  

tip Fotografie basiert auf Licht und Bewegung, Skulptur auf der Kontinuität im Raum. Steht beides nicht im Widerspruch?
Bogomir Ecker Nein. Ihre Frage geht nur von einer technischen Feststellung aus, aber Fotografie ist eine Form der Raumwahrnehmung! Man fotografiert ja nicht nur einen Gegenstand, sondern einen Gegenstand im Raum. Wenn man so will, versucht man einen physikalischen Abdruck der Realität von der dritten in die zweite Dimension zu bringen.

tip Wie haben die technischen Möglichkeiten zur Veränderung der Skulptur beigetragen?
Bogomir Ecker Das fotografisch Apparative einschließlich der digitalen Systeme hat eine unglaubliche technische Erweiterung der Möglichkeiten für die Skulptur gebracht. Ob dies allerdings qualitativ auch eine Erweiterung mit sich bringt, wird sich noch zeigen.

tip Und was sehen wir von Ihren eigenen Werken, Herr Ecker?
Bogomir Ecker Ich zeige eine Serie von Dias aus den frühen 80er-Jahren, Nachtaufnahmen von Skulpturen und Objekten, die ich auf den Straßen von Paris und Düsseldorf realisiert habe. Hinzu kommt eine neuere Installation mit dem Titel „Was das Foto verschweigt.“ Denn bei aller Liebe zur Fotografie hegt der Bildhauer ihr gegenüber stets eine gewisse Skepsis. Sie zeigt ja nur einen Ausschnitt der Realität, aber nie die Wirklichkeit selbst.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto oben: Silke Helmerdig / Courtesy Michel Sauer / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Foto mittig: Courtesy Galerie Lelong, New York / The Estate of Ana Mendieta Collection

Foto unten: Courtesy Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Foto Bogomir Ecker: Archiv Bogomir Ecker

lens-based sculpture, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–So 11–19 Uhr, 24.1.–21.4.; Eröffnung 23.1., 19 Uhr

Bogomir Ecker

Der Bildhauer Bogomir Ecker, 1950 geboren, lebt in Düsseldorf und ist Professor für Interdisziplinäre Kunst an der HBK Braunschweig. Im Berliner Fotomuseum zeigte er 2013 die außergewöhnliche Ausstellung „Idylle und Desaster“. Der Katalog dazu erhielt den Deutschen Fotobuchpreis 2014.

Mehr über Cookies erfahren