Ausstellungen

Lichtenberg: Noch uncool, aber im Kommen

Renata_TumarovaVor der Max-Taut-Schule liegt der Mann mit dem grauen Strubbelhaar auf einem schmalen Teppich ausgestreckt am Boden, ohne sich von den Kommentaren der Schüler aus der Ruhe bringen zu lassen. Eine Woche lang streifte der Kasseler Künstler Jürgen O. Olbrich durch das südliche Lichtenberg und hinterließ seine humoristischen Interventionen im Kiez. Kleine Gummifinger an Zäunen, auf der Straße gefundene Kronkorken, wohl geordnet im Park oder Briefkästen vor einem Brachgelände.

Seit 2006 sind im Obergeschoss des Stadthauses der Victoriastadt, in dem sich das Lichtenberger Museum befindet, vom Kunst- und Kulturamt geladene internationale Künstlerinnen und Künstler zu Gast. Lichtenbergs Kreativszene stehe nicht gerade „im Fokus der stadtweiten Aufmerksamkeit“, wie die Kunst- und Kulturamtsleiterin des ­Bezirks Ute Müller-Tischler feststellt. Das Gastkünstlerprogramm, dieses Jahr von Uwe Jonas geleitet, gehört zu einer der Initiativen des Bezirks, die das kreative Potenzial fördern und für ein offenes kulturelles Klima sorgen sollen.

Lichtenberg hat seinen Ruf weg, doch inzwischen arbeiten im Bezirk auffallend viele Kreative, die hier bezahlbaren Raum und noch immer zahlreiche Lücken finden. Der sich von Rummelsburg, Karlshorst, Friedrichsfelde, Lichtenberg und Fennpfuhl  bis in den Norden nach Hohenschönhausen, Malchow, Wartenberg und Falkenberg lang streckende östliche Bezirk hat alles zu bieten: fantastische Gründerzeithäuser, hässliche Plattenbauten – die ersten Deutschlands! – Einfamilienhäuser, Fabriken, idyllische Seen und jede Menge Grün.  

Durch die Flure des Kreativzentrums „Heikonaut“ in der Sewanstraße zieht der Duft von Selbstgekochtem. Bevor das Mittagessen aufgetragen wird, sitzen viele noch einen Moment im Garten vor dem Haus. Man hat sich zwei Köche aus der Nachbarschaft geleistet, erklärt Kommunikationsdesigner Axel Watzke. Die kreativen Freiberufler nutzen die in dem ehemaligen Kindergarten­gebäude errichtete Infrastruktur gemeinsam. So werden Kosten gespart, und durch die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen entsteht der geschätzte Synergie­effekt. Was die Kreativen in den Plattenbau nach Lichtenberg lockte, war die Möglichkeit der langfristigen und konzentrierten Arbeit „jenseits von Gentrifizierung“ und fernab vom „Innenstadt-Zirkus“.

Fernab und doch nicht weit vom Schuss residiert eine Gruppe von Kunstschaffenden inmitten des Gleisdreiecks am Nöldnerplatz. Die BLO-Ateliers dürften inzwischen neben dem „Heikonat“ das bekannteste Projekt Lichtenbergs sein. Als Lockkunst e.V. mieteten ehemalige Milchhof-Besiedler aus Mitte das Bahnbetriebsgelände, renovierten die Gebäude und wuchsen zu einer rund vierzigköpfigen Gemeinschaft an. Koordinatorin Stephanie Furchert und Fotografin Reyes Peres führen den Besuch stolz über das Gelände. Es wird gesägt, gewerkelt, ein paar Leute sitzen vor der Tür in der Sonne beim Kaffee.

Daniel Schade, eines der Gründungsmitglieder, öffnet die Tür zu einem erstaunlich schicken Modeatelier mit viel Weiß, Spiegeln und in Reihe gehängten ausgefallenen Kleidermodellen seines Labels Rabe. Ein bisschen besser muss das hier für seine Kundschaft schon aussehen, meint er. Anfangs traf er auf Skepsis, wenn er seine Adresse in Lichtenberg nannte. Aber den Kunden gefällt es hier.

Den vollständigen Text von Constanze Suhr lesen Sie in der tip-Ausgabe Nr. 14/2011.

Foto: Constanze Suhr

Studios ID – Offene Ateliers Genslerstraße 13a, Hohenschönhausen, So 26.6. ab 15 Uhr

Lange Nacht der Bilder 60 Orte in Lichtenberg und Friedrichshain, Sa 2.7., 15-1 Uhr; www.kulturring.org/lange-nacht-der-bilder/

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