Ausstellungen

Liebermanns Gegner in der Stiftung Brandenburger Tor

Kochel am SeeZwei Tage vor der Eröffnung der XX. Ausstellung der Berliner Secession im April 1910 erhielt der Maler Georg Tappert den Bescheid, dass keines der sieben von ihm eingereichten Kunstwerke „die zur Aufnahme in unserer Ausstellung erforderliche Anzahl von Stimmen“ gefunden habe. Wie ihm erging es etlichen anderen Kollegen. Man warf der Führungsspitze um Max Liebermann und Paul Cassirer einen autoritären Stil vor sowie eine zunehmend konservative Haltung. Bereits eine Woche nach den Negativbescheiden wurde die Neue Secession offiziell begründet. Sie verstand sich ausdrücklich nicht als Auffangbecken der Verschmähten, sondern setzte auf ein hohes künstlerisches Niveau. „Eine große Reinigung ist zu spüren“, befand Oskar Schlemmer. „Reine Farben statt einer saucigen Tonmalerei, bestimmte klare Linien gegenüber dem alle Form auflösenden Impressionismus.“ Obgleich schon die Zeitgenossen gerne einen Generationenkonflikt herbeiredeten, traf dies nicht zu. Stattdessen ging es um ästhetische Kontroversen.

Der Wandel spiegelt sich schon in den Plakaten: Sinniert in der ersten Ausstellung noch ein mondänes Fräulein im kirschroten Maxirock vor Bildern, so schießt für die dritte Secessions-Schau eine fesche Amazone mit signalroten Brustwarzen einen Pfeil ab. Erstmals beleuchtet nun die Stiftung Brandenburger Tor diese ungemein vitale Bewegung, die bis 1914 bestand und in deren sieben Ausstellungen solch unterschiedliche Geister wie Kandinsky, Marc, Nolde, Otto Freundlich, Wilhelm Lehmbruck und Bohumil Kubiљta vertreten waren. Kuratorin Anke Daemgen hat nun eine fulminante Auswahl getroffen, wurde fündig in zahlreichen öffentlichen und Privatsammlungen. Sie zeigt, wie unpräzise ein Etikett wie „Expressionismus“ ist. Kess lugen die Dessous unter den Tellerröcken von Kirchners Tänzerinnen hervor (Abb.). Dagegen lüpft Otto Muellers Mascka gravitätisch ihren roten Rock. Reichlich angeschickert räkelt sich Loth mit seinen Töchtern bei Georg Tappert. Wie unheimliche schwarze Insekten schieben sich Marianne Werefkins Schlittschuhläufer über das nachtblaue Eis. Die größte Überraschung ist wohl der tschechische Kubismus. Bohumil Kubiљta (der Mann heißt wirklich so!) fragmentiert in „Der Kuss des Todes“ auf raffinierte Weise Skelett und Opfer in vielfache Prismen.


Text
: Martina Jammers

Foto: Franz Marc Museum, Kochel am See

tip-Bewertung: Herausragend

Liebermanns Gegner, Stiftung Brandenburger Tor, Pariser Platz 7, Mitte, bis 3.7.2011

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