Netzwerke

„Local Histories“ im Hamburger Bahnhof

Die Ausstellung stellt einige der wichtigsten Künstler*innen-Netzwerke des 20. Jahrhunderts vor

George Segal Man Installing Pepsi-Sign, 1973 © The George and Helen Segal Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Um es gleich vorwegzunehmen, eine solche Ansammlung von Avantgarde-Stars der 1960 bis 1990 Jahre gab es in Berlin länger nicht: Dan Flavin, Robert Morris, Allan Kaprow, Paul McCarthy und Bruce Nauman, dazu Isa Genzken, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Sigmar Polke und Charlotte Posenenske. Sie alle und noch einige mehr sind in der Ausstellung „Local Histories“ im Hamburger Bahnhof mit mindestens einem Werk vertreten. Ein Großteil der Arbeiten stammt aus der Flick-Sammlung und wurde von der Kuratorin Matilda Felix um Werke aus dem Bestand der Nationalgalerie und private Leihgaben ergänzt. Allerdings ging es ihr bei der Zusammenstellung nicht um Namedropping, sondern sie hat auf die ewige Kurator*innen-Gretchenfrage, wie man eine große, nicht unumstrittene Sammlung neu präsentiert, eine in sich stimmige und elegante Antwort gefunden.

Vor einiger Zeit ist ihr das Essay „Local Histories“ des US-Minimalisten Donald Judd in die Hände gefallen, in dem er sich 1964 gegen die Unterscheidung von Kunst in Stilrichtungen wendet und für die offene Begegnung von Kunstwerken plädiert. Ein paar der von Judd genannten Beispiele, unter anderem Lee Bontecous frühe, reliefartige Schlüsselwerke, waren tatsächlich Teil der Flick-Sammlung. Zu anderen von Judd erwähnten Werken fand Matilda Felix ähnliche Arbeiten der genannten Künstler, beispielsweise aus derselben Serie. Oder sie entstanden, wie Bruce Naumans raumgreifende Arbeiten, zwar etwas später, aber in ähnlichem Kontext. Und darum soll es in der Ausstellung auch gehen, um den Kontext der Arbeiten, der sehr häufig eine Geschichte von Freundschaften und Kooperationen, von Netzwerken, Austausch und Inspiration ist. „Wir versuchen den Werken so ihre Entstehungsgeschichte zurückzugeben“, sagt Matilda Felix.

Besucher*innen erleben diese Geschichte in der Ausstellung Raum für Raum, Netzwerk für Netzwerk und mit jeweils korrespondierenden Werken und Positionen. Sie erfahren dabei unter anderem, dass Allan Kaprow und George Segal Nachbarn waren und dass ihre New Yorker Freunde Claes Oldenburg und Dan Flavin regelmäßig zu Happenings auf Segals Farm kamen.

Und gerade die jüngeren Besucher*innen könnten die Räume, in denen Deutsche Städte wie Köln oder gar Düsseldorf und deren illustre Kunstszene im Vordergrund stehen, überraschend finden – es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der andere Städte relevanter waren als Berlin. Dazu passt auch gut die Frage, wie groß der Anteil des Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer nicht nur am Erfolg deutscher Künstler wie Polke oder Richter war, sondern auch an den Weltkarrieren von Bruce Nauman oder Sol LeWitt. Und die Antwort lautet: Sehr viel größer als heute oft noch bekannt. Und das ist ein auch ein Aspekt der Ausstellung: Hier wird ganz oldschool der klassisch westliche, aber eben auch sehr intensive und wichtige künstlerische Austausch über den Atlantik gezeigt. Der ebenso relevanten und ganz aktuellen Frage nach dem Rest der Welt wird zurzeit im Hamburger Bahnhof aber auch nachgegangen, in der parallel laufenden Ausstellung „How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions.“

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 15.12.–29.9.2019

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