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Lore Krüger im C|O Berlin

Lore Krüger im C|O Berlin

Der Sohn von Lore Krüger stand eines Tages im Büro von C|O-Berlin-Kurator Felix Hoffmann, in der Hand einen Koffer mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien und Fotogrammen aus der Zeit von 1934 bis 1944. Hoffmann musste das Material erst einmal geistig und physisch sortieren, überlegte dann aber nicht lange: „Die Fotografien sahen auf den ersten Blick sehr, sehr interessant aus.“
In dem Koffer waren ausschließlich Fotos, die Lore Krüger, 1914 in Magdeburg in einer deutsch-jüdischen Familie geboren, während ihrer zehnjährigen Flucht quer durch Europa bis ins Exil in Amerika gemacht hat: „Sie hat eigentlich auch nur in dieser Zeit fotografiert. Die Sachen sind bisher nie gezeigt worden, aber künstlerisch und inhaltlich fantastisch – nicht nur als Zeitdokumente einer turbulenten Geschichte, sondern auch als Werk einer europäischen Künstlerin“, sagt Hoffmann.
Dass die Bilder Hoffmann künstlerisch überzeugten, ist nicht verwunderlich, war Krüger doch gelernte Fotografin und hatte bei Bauhaus-Absolventin Florence Henri in Paris studiert. Sie war somit Teil der deutschen und europäischen Avantgarde, die sich mit neuen Techniken wie Montage und Mehrfachbelichtung auseinandersetzte und Surrealismus und Dadaismus in ihrer Bildsprache verarbeitete.
Allerdings musste sie sich von der reinen Studio­arbeit bald lösen. Straßen- und Alltags­fotografie beherrschten ab Mitte der 1930er-Jahre ihr Werk, und das hängt zum großen Teil mit den über die Künstlerin hereinbrechenden Katastrophen Krieg, Vertreibung, Exil und Tod zusammen. Denn neben den künstlerischen Aspekten ihrer Bilder ist es auch die Lebens­geschichte von Lore Krüger, die das C|O-Berlin-Team dazu brachte, eine Ausstellung mit 100 Originalabzügen zu konzipieren. Und es ist wohl auch diese Geschichte, die bereits im Vorfeld der eigentlich kleinen Ausstellung für viel Wirbel sorgt: Die Presse­anfragen und Interview-Wünsche, die C|O Berlin dazu bekommt, sind ähnlich zahlreich wie die zu Blockbuster-Schauen. Und das Interesse ist durchaus verständlich: In Lore Krügers Biografie ist alles enthalten, was deutsch-jüdischen Künstlerinnen zwischen 1930 und 1945 widerfahren konnte: von der Ausbildung der Ingenieurs­tochter zur Porträt­fotografin in Deutschland über künstlerische Anfänge und Experimente mit der Schule des Neuen Sehens, ungetrübte Studienzeiten in Paris, aktive Teilnahme als Kommunistin am spanischen Bürgerkrieg, Internierung im Konzentrationslager Gurs bis hin zu Flucht der Familie quer durch Europa ins Exil nach Mexiko und in die USA.
Lore Krügers Eltern brachten sich auf dieser Odyssee aus Verzweiflung um. Die Fotografin selbst hat überlebt, konnte aber nicht viel retten – außer ihren Fotografien. „Man muss sich vorstellen“, sagt Felix Hoffmann, „wie diese Abzüge heil die Zeit und Wirren in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent überdauert haben.“
Als Lore Krüger 1947 zurück nach Deutschland kommt, arbeitet sie als Übersetzerin für den Aufbau-Verlag – und macht tatsächlich nie wieder ein Foto. Allerdings hat sie fast bis zu ihrem Tod 2009 immer wieder vor Schülern über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Bei C|O Berlin sprechen jetzt ihre Bilder über diese Zeit.

Text: Iris Braun

Foto: Lore Krüger

C|O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, Charlottenburg, 24.1.–10.4., tgl. 11–20 Uhr; ?ebenfalls ab 24.1: „Blow Up – Antonionis Filmklassiker und die Fotografie sowie Niina Vatanen „Beyond the Visible Surface“

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