Ausstellungen

Käthe Kollwitz Museum: Arbeiten von Lotte Jacobi und Lotte Reiniger

Sie ist die Starfotografin der Weimarer Republik: Lotte Jacobi (1896-1990) hat die gefeierte Berliner Bohème verewigt. Ihre Portraits von Lotte Lenya und Käthe Kollwitz erscheinen heute noch in den Medien. Das Käthe Kollwitz Museum weitet den Blick auf ihre Arbeit als Teil der Ausstellung „Lotte Jacobi & Lotte Reiniger – zwischen Erfolg und Exil“. Die Fotografin Jacobi und die Trickfilmkünstlerin Reiniger waren wie Kollwitz „schaffende Frauen“, die sich in einer Männerwelt künstlerisch wie unternehmerisch behaupteten.

Lotte Jacobi, Selbstportrait mit Kamera, 1929.
Foto: Berlinische Galerie, Jüdisches Museum / Lotte Jacobi Archives / University of New Hampshire, USA

Jacobi: Berlins Bohème vor der Kamera

Jacobis Aufnahmen von Vickie Baum und Carola Neher zeigen nachdenkliche Frauen, obwohl sie auf dem Höhepunkt der Karriere sind. Baums Roman „Menschen im Hotel“ lässt die Kassen klingeln und Neher wird allabendlich in der „Dreigroschenoper“ bejubelt. Ein spannendes Fenster in die Zeit sind die in Vitrinen präsentierten Starpostkarten. Frauen im androgynen Outfit schauen uns an – verbunden mit Namen, die längst vergessen sind. Sie vermitteln aber ein Lebensgefühl, das beneidenswert ist.

Jacobis Atelier lag nah am Ku’damm, wo viele andere erfolgreiche Fotografinnen ihre Studios hatten, darunter Gerty Simon. In der Doppelausstellung sind ihren Fotografien die Scherenschnitte von Lotte Reiniger (1899-1981) gegenübergestellt. Dabei wird deutlich: Anders als Jacobis lebendige Modelle, die fast regungslos sind, besitzen Reinigers Figuren aus Papier so viel Dynamik, dass sie gleich vom Blatt zu springen scheinen.

Ein Kuriosum ihrer Arbeit – abgesehen vom Medium – sind ihre Motive. Wird in den 1920er Jahren sonst der modernen Frau mit Bubikopf gehuldigt, zeigt Reiniger oft höfische Frauen mit weiten Röcken. Diese Ästhetik des 18. Jahrhunderts mit viel Schnörkel findet sich sogar in einem Werbefilm für Nivea. Dieser Anachronismus erklärt vielleicht, warum ihre Arbeit im Kontext der Ära kaum Beachtung findet. Die Ausstellung holt damit eine Facette der 1920er Jahre hervor, die sich sonst auch nirgends einreihen lässt und eine wahre Wiederentdeckung ist.

Lotte Reiniger mit Figuren aus dem Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, 1925. Foto: Stadtmuseum Tübingen

Reinigers Arbeiten erstmals seit 1935 in Berlin zu sehen

Relevant ist nicht nur das künstlerische Schaffen dieser Frauen in Berlin während einer Zeit, zu der heute immer wieder Parallelen gezogen werden. Sondern auch ihr jähes Ende durch die Nazis. Beide gingen 1935 nach London ins Exil. Jacobi, weil sie Jüdin war, und Reiniger, weil sie es nicht aushielt, wie mit jüdischen Freunden umgegangen wurde. Jacobi zog dann weiter in die USA. Beide hatten Glück, dass ihr außerordentliches Talent sie beruflich weiter trug. Ihr Schicksal ist heute noch eine Warnung vor dem Druck der politischen Rechten, die damals das florierende Kulturleben auslöschte.

Lotte Reinigers Arbeiten werden seit 1935 erstmals wieder in Berlin ausgestellt und auch Lotte Jacobis Bilder sind immer wieder gern gesehen – ein Besuch lohnt sich also.

  • Käthe Kollwitz Museum Fasanenstr. 24, Charlottenburg, tgl. 11–16 Uhr, 7/4 €, bis 20.3.2022

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