Ausstellungen

Lyonel Feininger im Kulturforum

BumeundStraenlaternebeiNachtFünf Figuren scharen sich vollkommen verzückt um eine weitere in ihrer Mitte, die bekrönt ist von einem roten Horn. Ein Horn, deren Form die schräg darüber schwebende Mondsichel gleichsam doppelt, was der ganzen Szenerie einen esoterischen Hauch verleiht. Da Lyonel Feininger das Aquarell „Beschwörung“ 1939 schuf, entsteht fast zwangsläufig ein Bezug zum Personenkult um Hitler. Die skurril anmutenden Männlein schlagen einen Bogen zum frühen Feininger, der ein begnadeter Karikaturist war. Das Kupferstichkabinett stellt in einer konzentrierten Ausstellung die enorme Vielseitigkeit des 1871 in New York geborenen Künstlers vor: Wir erleben den Gestalter subtiler Prismenlandschaften, rasender Radrennfahrer und amüsanter Parallelgesellschaften ebenso wie den weidlich unbekannten Fotografen. Beide Aspekte gehören zum Nachlass des New Yorker MoMa-Grafikspezialisten William S. Lieberman, der diese Schätze dem Busch-Reisinger Museum der Harvard University schenkte. Als enger Freund und inoffizieller Berater der Witwe des 1956 verstorbenen Bauhaus-Genies hatte er maßgeblichen Anteil an der Vermittlung der Druckgrafiken Feiningers in den Kunsthandel. Die eigentliche Überraschung stellen aber nun die Fotografien dar, drängte doch Julia Feininger dieses Genre ihres Mannes in den Hintergrund und kehrte seine malerische Seite heraus. Seine Aufnahmen unterscheiden sich von den prononciert „optimistischen“ seiner Bauhaus-Kollegen von der dynamischen Großstadt. Feininger indes thematisiert die Stille und Ungewissheit der Nacht – ein später Enkel C. D. Friedrichs. Natürlich rückt auch das Dessauer Bau­hausgebäude ins Visier der Kamera, zum Beispiel aus extremer Froschperspektive. Irritierend die Serie von Schaufenster-Fotos: „Aus der Hüfte heraus“ fängt er den verführerischen Blick einer Puppe hinter Glas ein, die den Betrachter hypnotisiert.

Text: Martina Jammers

Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2011

tip-Bewertung: Herausragend

Feininger aus Harvard. Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien
Sonderausstellungshallen Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di+Mi 10–18, Do 10–22, Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr, bis 15.5.

Mehr über Cookies erfahren