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Olafur Eliasson: Magier und Manager

Ice_pavilion_1998_Installation_view_at_PfefferbergEin Eispanzer umschließt das Wasserstoff-Zukunftsauto der Bayerischen Motoren Werke. Mehrere Tage wurde 2007 das Metallgeflecht um den Rennwagen mit knapp 1000 Litern Wasser besprüht, um die eisige Skulptur zu schaffen. Die von Kühlaggregaten und Eismaschinen am Leben, nein im Dauerfrost gehaltene Hülle erinnerte an ein Iglu. Vom Autokonzern als reine Promotion-Aktion – einen bunten Silberpfeil bitte! – anvisiert, schmiedete der Künstler daraus ein Statement. „Eliassons Projekt transformiert ein Objekt fortschrittlichen Industriedesigns in ein Kunstwerk, das ebenso poetisch wie kritisch Fragen stellt nach dem Zusammenhang zwischen der Automobilindustrie und der globalen Erwärmung.“ So kommentiert das San Francisco Museum of Modern Art die Arbeit. Es geht auch einfacher. Der Schöpfer Olafur Eliasson sagt: „Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Bewegung unserer Welt und die Konsequenzen unseres Verhaltens lenken.“ Mit diesem Crossover aus betörend schönen Objekten und ökologischem Hintersinn, der nicht priesterlich daherkommt, hat der 1967 geborene Künstler weltweit durchschlagenden Erfolg. Seinen Durchbruch erzielte der als Sohn isländischer Eltern in Kopenhagen.

OlafurEliasson_the_weather_project_2003Aufgewachsene mit seinem „Weather Project“, das er 2003 in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern inszenierte. Über zwei Millionen Besucher pilgerten zu dem mystischen Spektakel nebliger Sonnenauf- und Untergänge. Auf dem Boden liegend verfolgten sie die Bahn des gleißenden und verdämmernden Planeten – und reflektierten sich dabei selbst in einem riesigen Spiegel an der Decke.
Für die futuristische Oper in Oslo lieferte Eliasson eine glaziale Verkleidung des Garderobentrakts, die Holztreppe des Kopenhagener Schlosses Amalienborg versah er mit raffinierten Leuchtern. Licht, verkündete er kürzlich während seiner „Berliner Lektion“, habe eine soziale Funktion. Aus Licht könne man Großes, Schönes und Gutes machen (stimmt, aber ebenso genau das Gegenteil, wie die perfekt-perfide Lichtregie der Nazis bei Massenveranstaltungen vorführte).
Vorläufig letzter Eliasson-Höhepunkt waren 2008 seine vier Wasserfälle, die er 110 Tage lang rund um die Südspitze Manhattans installieren und in den East River donnern ließ. 2207 Liter Wasser stürzten dabei in jeder einzigen Sekunde nach unten. Freilich könnte er die erhebliche Logistik seiner zahlreichen Projekte – zwanzig bis dreißig sind es jährlich – niemals alleine stemmen. Um seine New Yorker Wasserfall-Inszenierung umzusetzen, waren mehr als 200 Ingenieure, Taucher, Gerüstbauer, Umweltexperten und andere Wissenschaftler und Handwerker zwei Jahre lang im Einsatz.
Mit solch spektakulären Inszenierungen fasziniert der isländische Däne, der seit 1994 in Berlin arbeitet, ein Publikum, das angesichts der Gegenwartskunst sonst von erheblichen Schwellenängsten geplagt wird. Freimütig räumt er ein, dass es zur Verzauberung der Masse mit naturidentischen Einfällen ruhig auch schon mal „blöd“, „kitschig“ und „banal“ zugehen darf.
Opium fürs Volk also in Gestalt von Nebelschwaden, Eisblöcken und schlingernden Regenbögen? Ist Eliasson ein zeitgemäßer Wettergott oder schlicht ein talentierter Kommunikationsvirtuose, der dem entsinnlichten Großstädter die Mysterien der Natur zurückgibt? „Was wir von der Welt wahrnehmen, ist zum größten Teil ein Konstrukt“, skizziert er sein artistisches Programm. Wo der Mann recht hat, hat er recht.

In Prenzlauer Berg, auf dem Gelände des Pfefferbergs, befindet sich sein weitläufiges „Studio“. Kein Atelier, mehr eine Kreuzung aus Thinktank und einem Werkstattmodell in der Nachfolge von Warhols legendärer Factory. Derzeit beschäftigt Eliassons „Studio“ rund 35 Mitarbeiter: von Handwerkern und Spezialtechnikern bis hin zu Architekten, Physikern, Archivaren, Kunsthistorikern und Köchen. Jeden Mittag wird gemeinsam am runden Tisch gespeist. Diese ansehnliche Truppe experimentiert, entwickelt und installiert seine aufwändigen Inszenierungen. Ebenso wichtig wie das Kunstwerk ist aber dessen Vermarktung. Also ist Eliassons Team gleichzeitig auch damit beschäftigt, zu „archivieren, kommunizieren und zu kontextualisieren“.
The_New_York_City_Waterfalls_2008_Olafur_EliassonSo hat sich der Künstler für seinen sechs Kilo schweren Folianten mit dem unbescheidenen Titel „Studio Olafur Eliasson – An Encyclopedia“ auch nicht irgendeinen Autor geleistet, sondern Philip Ursprung, Professor der Kunstgeschichte an der Uni Zürich, der sich im Vorwort auslässt über die spezifische, offene Natur des Studios. Raffiniert war Eliassons Schachzug, sich ausgerechnet eines Kommentators zu bedienen, der zunächst kritische Vorbehalte gegenüber der suggestiven Kunst des Dänen hegte. Doch dann wurde aus dem Saulus ein Paulus. Mit enormer Bedeutungsaufladung liefert Professor Ursprung den intellektuellen Überbau des Eliasson-Imperiums, indem er ihn einbindet in einen ästhetisch-sozialen Diskurs, der um Schwergewichte wie Ökologie und Demokratie kreist. Seinen Kritikern missfällt jedoch das Verhältnis von gigantischem Aufwand und erhellendem Nutzen. Ohne diese aufgeblähte Anreicherung hätte man sich im Winter schlicht erfreuen können an einem Pavillon auf dem Pfefferberg, von dem malerisch Eiszapfen herunterhingen.

Oder an einem Fahrrad, dessen Felgen mit kreisrunden Spiegeln verkleidet sind. An acht unprätentiösen Orten in der Stadtsind sie aufgebaut. So zeigen sie die „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ wie schon vor Dezennien Peter Handke. Und nicht immer müssen es Großprojekte а la London oder New York sein. Auf der Pfaueninsel spielt sein mit Glassegmenten versehener „blind pavilion“ mit der Illusion der perfekten Landschaftsinszenierung. Eliasson sieht sich hier an einem „utopischen und wissenschaftshistorisch spannenden Ort“, laborierte dort doch schon im 17. Jahrhundert der Alchimist Kunckel an diversen Glassorten. Und unlängst bereicherte der Künstler-Ingenieur die Berliner Stadtlandschaft mit ausgebleichten Baumstämmen. Fünfzig von ihnen flankierten die Wege nahe der Gertraudenbrücke. Achtlos stiefelten Fußgänger an ihnen vorbei, nahmen ihren Kunstgehalt gar nicht zur Kenntnis. Dennoch war die Aktion höchst artifiziell. Eliasson hat die Stämme aufgelesen an isländischen Gestaden. Wie ein Readymade.

Text: Martina Jammers

Fotos: Ice-Pavillon, 1998 Installation View at Pfefferberg, Berlin; The Weather Project, 2003; The New York City Waterfalls, 2008; all by Olafur Eliasson

INTERVIEW MIT DEM SPEKTAKULÄREN KÜNSTLER OLAFUR ELIASSON

KUNST UND MUSEEN IN BERLIN VON A BIS Z

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