Interview

„Magyar Modern“: Berlinische Galerie feiert die ungarische Moderne

Mit der Schau „Magyar Modern“ („Ungarische Moderne“) in der Berlinischen Galerie widmet sich erstmals in der Hauptstadt eine Ausstellung dem starken Beitrag ungarischer Künstler:innen zur Klassischen Moderne. Wir sprachen mit dem Kurator Ralf Burmeister über die Ausstellung, den Berliner Spleen und warum die Werke der ungarischen Künstler:innen in Vergessenheit gerieten.

Das Bild „Landschaft mit Brücke“ (1909) von Lajos Tihanyi ist in der Ausstellung „Magyar Modern“ zu sehen. Foto: Ákos Keppel
Das Bild „Landschaft mit Brücke“ (1909) von Lajos Tihanyi ist in der Ausstellung „Magyar Modern“ zu sehen. Foto: Ákos Keppel

Die Ausstellung „Magyar Modern“ ist in neun Teile gegliedert und legt den Fokus auf die Jahre 1918 bis 1933. Gezeigt werden rund 200 Werke von 48 Künstler:innen: Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Filme, Fotografien, Theaterentwürfe und Architekturzeichnungen. 44 Leihgeber:innen gibt es bei dieser Kooperation mit der Nationalgalerie Budapest. Alle der präsentierten 48 Kunstschaffenden lebten, arbeiteten und/oder stellten in Berlin aus. Doch wie entwickelte sich die ungarische Moderne überhaupt in der Stadt?

„Bekanntmachungsmaschine für die ungarischen Künstler und Künstlerinnen in der Stadt“

tipBerlin Herr Burmeister, es gab einen großen Berliner Galeristen und Verleger, der eine Triebfeder in der Förderung von jungen Ungarn als Teil der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts war: Herwarth Walden.

Ralf Burmeister Er war eine wahnsinnige Bekanntmachungsmaschine für die ungarischen Künstler und Künstlerinnen in der Stadt. Walden hatte mit dem Schriftsteller und Künstler Lajos Kassák direkte Beziehungen nach Ungarn, der eine Zeitschrift namens „Ma“ („Heute“) herausgab. Walden stand mit ihm seit 1916 in engem Kontakt, sie ähnelten sich, beides charismatische Typen, markante Köpfe, Propheten des Neuen. Die Zeitschriften „Der Sturm“ (Walden) und „Ma“ (Kassák) waren wichtige Informationsmedien für die Kunstschaffenden in Ungarn. Wir sollten bedenken: Das Gedruckte war damals die einzige zentrale Informationsquelle über die Welt. Die Bedeutung einer Zeitschrift damals können wir gar nicht überschätzen: Sie ähnelt der von YouTube oder einem Podcast heute.

tipBerlin Beide Seiten profitierten von dem Austausch?

Ralf Burmeister Vor dem ersten Ersten Weltkrieg vertrat Walden die Kubisten, Futuristen und Expressionisten. Diese waren nach 1918 schon in den bürgerlichen Wohnzimmern angekommen. Da war nichts Neues mehr. Mit den streng konstruktivistischen Positionen, die er mit den Ungar:innen gewann, also mit gegenstandloser, abstrakter Kunst, erweiterte er sein Portfolio. Er baute die Künstler:innen so richtig auf. Insgesamt organisierte er 24 Einzelausstellungen ungarischer Kunst im frühen 20. Jahrhundert. 

Die Fotografin Eva Besnyö floh bereits 1932 nach Amsterdam, zuvor nahm sie „Berlin 1931“ auf. Foto: Eva Besnyö/MAI; Anja Elisabeth Witte
Die Fotografin Eva Besnyö floh bereits 1932 nach Amsterdam, zuvor nahm sie „Berlin 1931“ auf. Foto: Eva Besnyö/MAI; Anja Elisabeth Witte

tipBerlin Das kosmopolite Berlin spielte offenbar eine große Rolle, wenn es um progressive künstlerische Positionen ging.

Ralf Burmeister Es gibt zwei Gründe, warum die ungarischen Künstler und Künstlerinnen nach Berlin kamen. Die Zäsur ist sicherlich der Erste Weltkrieg und die damit verbundene politische Umwälzung in Europa. Der Fokus der Ausstellung setzt aber bereits 1910 ein, wo ein erster großer Auftritt ungarischer Künstler:innen in der Stadt stattfand – und zwar in der Berliner Secession, organisiert vom Kunsthändler Paul Cassirer. Ohne dass es eine Secessions-Ausstellung war. Er hatte 1909 Budapest besucht, Ateliers angeschaut und sich mit malerischen Positionen vertraut gemacht. Die Ungarn haben Berlin als Ausstellungsforum gesehen und genutzt. 

tipBerlin Was machte Berlin so attraktiv für sie?

„Diese Stadt blockt nicht ab, die zeitgenössischen Künstler:innen sind alle da“

Ralf Burmeister Im frühen 20. Jahrhundert war Berlin die Stadt in Europa, die wuchs, die unheimliches Tempo hatte, die, wie heute, die aktuellsten Künstler:innen anzog. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das noch schwungvoller. Damals schon sprach man vom „Berliner Spleen“. Er existiert bis heute. Der Schriftsteller Sándor Márai schrieb 1922 dazu, Berlin hätte eine unglaubliche Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber allen künstlerischen Experimenten. Und 100 Jahre später gilt das Gleiche: Diese Stadt hat eine große Offenheit für alles Neue, blockt nicht ab, die zeitgenössischen Künstler:innen sind alle da. Das war auch der Nährboden für die Ungarn, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin gekommen sind.

Der Galerist Herwarth Walden den Kubisten Hugó Scheibers, hier sein Bild „Auf der Straßenbahn“, 1926. Foto: Courtesy Ernst Galerie, Budapest
Der Galerist Herwarth Walden den Kubisten Hugó Scheibers, hier sein Bild „Auf der Straßenbahn“, 1926. Foto: Courtesy Ernst Galerie, Budapest

Die Themen von „Magyar Modern“ sind auch heute aktuell

tipBerlin Die Schau in der Berlinischen Galerie ist die erste Ausstellung, die sich dezidiert damit beschäftigt. Wenn man die Schubkraft der Ungarn und Ungarinnen für die Klassische Moderne doch erkannt hat, warum sind sie vergessen worden?

Ralf Burmeister Nun könnte man sagen, dass diese Künstler und Künstlerinnen, viele linkspolitisch und jüdischer Herkunft, durch Nazi-Deutschland in Vergessenheit gerieten. Doch es gibt noch einen anderen Grund: den Eisernen Vorhang der Nachkriegszeit. In der DDR wurde ungarische Kunst gezeigt, aber jene Positionen, die am ehesten den politischen Vorstellungen des Staates entsprachen. Im Westen geriet die Kunst tatsächlich aus dem Blick. Im Westen haben wir ganz schön nach Westen geschaut.

Mittelosteuropa? Wir kennen die russischen Konstruktivisten. Aber was wissen wir schon von den polnischen, lettischen, estnischen Künstler:innen? Hier eine Korrektur vorzunehmen, ist wichtig. Das bindet sich auch an unseren Sammlungs- und Forschungsauftrag, Kunst zu zeigen, die in Berlin entstanden ist. Ziemlich früh schon hatte die Berlinische Galerie Werke von Lajos d‘ Ébneth und Béla Kádár in der Kollektion. Eberhard Roters, unser Gründungsdirektor, erwarb sie sehr früh. Er organisierte bereits in den späten 60er-Jahren eine Ausstellung in Nürnberg auch mit ungarischen Positionen. 

tipBerlin Die Heimat zu verlassen ist ein großes Thema?

Ralf Burmeister Diese Schau ist eine Kunstausstellung mit verschiedenen Disziplinen, zugleich gibt es innewohnende Themen, die etwas mit unserem Heute zu tun haben, so die Exilsituation. Man geht aus seiner Heimat weg, lebt in dieser Stadt, schreibt sich ein in ihre DNA. Dabei gibt es unterschiedliche Profile, die man hinterlässt. Abhängig davon, wie es einem in dieser Stadt geht – kommt man klar, oder nicht, gibt es wirtschaftliche Unsicherheit oder beruflichen Erfolg.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. +1. So/ Monat frei, bis 6.2.2023, online

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1927 schrieb der ungarisch-deutsche Journalist und Autor Eugen Szatmari seinen berühmten Berlin-Reiseführer „Was nicht im Baedeker steht”, in dem er mit viel Liebe für die Stadt, Humor und zuweilen abwegigen Fakten einen Hit landete. Berlin hat unglaublich viel Kunst zu bieten: mit unseren aktuellen Ausstellungs-Tipps seid ihr auf dem Laufenden über die spannendsten Ausstellungen der Stadt. Museen sind nicht nur für Kunst da. Von gewaltig bis winzig, von Brachiosaurus bis Zündholz: Das sind Lieblingsmuseen der tip-Redaktion. Die Kulturstadt Berlin erleben: Kulturtipps heute, von Konzert über Lesung bis Theater und Ausstellung.

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