Ausstellungen

Maik Schierloh und Joep van Liefland von „Autocenter“

Joep_van_Liefland_und_Maik_SchierlohDas war nicht billig: über 300 Quadratmeter Gewerbefläche innerhalb des S-Bahn-Ringes selber umzubauen. Kataloge. Einladungen. Personal. Und so weiter. In einer Stadt, in der nur ein Bruchteil der Leute, die „was mit Kunst machen“, halbwegs respektabel davon und nicht nur damit leben können.

Und dennoch haben sie es gemacht: das Autocenter, einen seit inzwischen zehn Jahren bestehenden Friedrichshainer Kunstraum. Sie, das sind Künstler Joep van Liefland, der zumindest in Europa das eine oder andere anerkannte Stipendium abräumt, und Künstler Maik Schierloh, dessen anderes Standbein die Bar Babette in der Karl-Marx-Allee ist – wo Größen wie Bryan Ferry ihre Aftershow-Parties schmeißen oder etablierte Galerien wie Capitain Petzel zum Dinner bitten und so im Sinne der projektbezogenen „Berliner Ökonomie“ (Helmut Höge) eine Institution querfinanzieren, die ihresgleichen nicht nur in Berlin, sondern bundesweit sucht und nun vor einigen nicht einfachen Entscheidungen steht.

Doch worum geht es in dem Laden, der einst auf dem Gelände des „Lovelite“-Clubs gegründet wurde, eigentlich? Nun ja: krasse Kunst. Dazu gehören Performances, die jenseits der Grenzen des guten Geschmacks auch die Grenzen der Gesundheit antesten, zerstörte Ausstellungen, absurd anmutende Aktionen und markige Ausstellungstitel wie „Uagh“, „Deutsch Afrikanische Freundschaft“, „Bombardiert das Hauptquartier“, „München“, „Oktoberfest 2003“, und, sozusagen endkrass: „50 Jahre Wirtshaus Huber“.

Das klingt nach noch einer weiteren Berliner Subkultur, relativiert sich aber schnell, wenn man vermittels der üblichen Kunstranking-Webseiten kurz überprüft, welche Raketenstarts beteiligte Künstler wie Andreas Hofer a.k.a. Andy Hope 1930, Andrew Gilbert oder gar Andrй Butzer im hart umkämpften Markt hingelegt haben. Doch diese Erfolge sind nicht unbemerkt geblieben, und fühlt man sich der verschworenen Gemeinschaft von Künstlern, Desperados und Bohemiens verpflichtet, die im Autocenter unter sich waren, gibt es jetzt dank der großen Beliebtheit einiges zu meckern: Gleichermaßen uninformierte wie uniformierte Kulturtouristen, Partypeople in Aufwärmlaune, kurz: Ballermannszenario. So richtig zum Kunstgenuß kommt man auf den Eröffnungen nur noch bei Ausstellungen, die aus Gründen der augenblicksversessenen Zeitgenossenschaft niemand sonst auf dem Radar hatte – wie beispielsweise jüngst im Rahmen der Neubetrachtung des großen Berliner Künstlers Karl-Horst Hödicke.

Großsammler auf der Suche nach frischem, noch nicht von Galeristen verdünnisiertem und qua artifizieller Verknappung künstlich verteuertem Künstlerblut, freuen sich hingegen über die inzwischen mehr und mehr professionell bespielten Räume, in denen ungefähr alles möglich ist. Mit gewisser Ambivalenz hingegen betrachten die meisten der professionellen Kunstvermittler das Geschehen, spätestens seit klar ist, dass man mit den eigenen Strategien und Taktiken da eben nicht mehr im Off und unter sich ist. Und das nicht erst seit neulich.

Wer 2008 mit offenen Ohren über die art berlin contemporary ging, konnte hören, wie sich Vollprofis mit internationalem Auktionshaus-Hintergrund angeregt unterhielten: Man habe da „was ganz tolles entdeckt“ und „müsse da mal was machen“. Zum Beispiel den Förderverein fürs Autocenter gründen, von dem seltsamerweise sogar Maik Schierloh sagt, die Mitgliedsbeiträge seien zu hoch.

Ebenfalls seltsamerweise macht das Autocenter mit der von Max Henry kuratierten, interessante Positionen von Pink Floyd bis Ezra Pound vereinenden Gruppenausstellung „The Cannibal’s Muse II“ bei Based in Berlin mit, obwohl es gerade aus der Off-Szene heftigste Kritik an der neoliberal anmutenden „Leistungsschau“-Rhetorik und einen Offenen Brief gegen die Veranstaltung mit weit über 2.000 Unterzeichnern gab.

AutocenterÜberhaupt, Rhetorik: Es stimmt, wenn das Autocenter behauptet, im Laufe der letzten zehn Jahre sei es zu „der“ Produktionsstätte Berliner Künstler avanciert und habe somit eine wichtige Funktion, über die schon seit Jahren in Berlin diskutiert wird, übernommen. Indes: Der „offenste Ort der Kunstwelt Berlins“ ist es nicht – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Schließlich zeichnen sich die meisten der 120 Ausstellungen mit insgesamt mehr als 400 Künstlern jenseits der meist hohen Qualität durch ein Kriterium aus, das sich rein sachlich schwer fassen lässt: Cool. Vielleicht lässt sich in Anlehnung an den von Diedrich Diederichsen verwendeten Begriff des „existenziellen Besserwissens“ als genuines Hipsterkriterium die Praxis der Künstler aus dem Umfeld des Autocenters am besten als ein „existenzielles Bessermachen“ beschreiben, das ein Scheitern in Schönheit gerne riskiert.

Wie genau dieses gerade für Berlin unverzichtbare Laborieren an der Grenze zwischen Experiment und Existenz weitergehen soll, scheint derzeit unklar. Doch damit die beteiligten Künstler auch weiterhin kräftig zubeißen können, haben sich inzwischen ihre prominenteren Kollegen zusammengetan und Werke für eine Charity-Auktion gestiftet – an der sich echte Bignames wie Jonathan Meese, Olafur Eliasson oder Thomas Scheibitz beteiligen.

Diesem Beispiel zu folgen und sich über Spenden oder die – wenn man den zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Unterlagen glauben darf – mehr als lohnenswerte Mitgliedschaft in einem Freundeskreis des Autocenter an dem Erhalt einer so nur in Berlin möglichen Institution zu beteiligen, sollte zumindest dem über freie Mittel verfügenden kunstinteressierten Stadtpublikum ein echtes Anliegen sein. Auch wenn es etwas teurer wird – vielleicht sogar gerade dann.

Text: Gunnar Lützow

Fotos: Roman März

Autocenter bei „Based in Berlin“, Atelierhaus im Monbijoupark, Mitte, 8.6.–26.6., tgl. 12–24 Uhr, Eintritt frei

Eldenaer Straße 34a, Friedrichshain, www.autocenterart.de

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