Ausstellungen

Marcel Van Eeden: „Schritte ins Reich der Kunst“

van-EedenMarcel van Eedens Zeichnungen beschäftigen die Fantasie. Viele der schwarz-weißen Szenen erinnern an das Kino aus der Zeit von Humphrey Bogart und Jean Gabin: So blickt man in der Serie „Der Tod des Matheus Boryna“ in das Dekolletй einer liegenden Frau, man sieht Waffen vor aufgerissenen Augen und Rosen, die auf Leichen fallen. Kein Wunder, dass man sich da den Künstler als filmbesessenen Menschen vorstellt, vielleicht gar als den Sohn eines Kinobesitzers, der seine halbe Kindheit im dunklen Bauch eines Lichtspieltheaters zugebracht hat.

„Falsch geraten“, sagt Marcel van Eeden und lacht. Er gehe nicht mal besonders gern ins Kino. „Nur dazusitzen und zu konsumieren, das ist mir zu passiv.“ Allerdings leiht er sich alte Filme auf DVD aus, schaut sie sich Bild für Bild an und fotografiert einzelne Einstellungen für die Sammlung seiner Vorlagen. Im Haus am Waldsee eröffnet jetzt die erste institutionelle Einzelausstellung des niederländischen Künstlers in Berlin, mit gutem Grund. In der ersten Serie von Zeichnungen, mit denen Marcel van Eeden in ­Berlin bekannt wurde, während der Berlin Biennale 2006, tauchte das Haus am Waldsee mehrfach auf. Es war ihm in alten Magazinen begegnet und in den Fundus seiner Vorlagen gewandert: Und dann nahm es in der verwirrenden Geschichte „The Life and Work of K.M. Wiegand“ einen zentralen Ort ein, als Ausstellungshaus für moderne Kunst und wichtiger Knotenpunkt in dem komplizierten Erzählgeflecht um K.M. Wiegand, ein Superheld, in dessen fiktiver Biografie sich mindestens fünf unterschiedliche Leben aus der Zeit des Kalten Krieges verbargen.

Seit damals hegte Katja Blomberg, die das Haus am Waldsee leitet, den Plan, van Eeden auszustellen. Seit damals hat er für viele der Figuren, die in „K.M. Wiegand“ auftauchen, eigene geheimnisvolle Bildfolgen entwickelt: Dieses Wuchern wird gut zur Geltung kommen in der Schau „Schritte ins Reich der Kunst“, die Bildfolgen aus elf seit 2005 entstandenen Serien zeigt, mit mehr als 500 Blättern. In der jüngsten steuert alles auf den Untergang eines Schiffes zu, der titelgebenden „Cornelia Maersk“, die 1942 tatsächlich im Hafen von Rotterdam bombardiert wurde. Nun besorgt das van Eedens schwarzer Stift mit großer Lust, wieder und wieder versenkt er ein Schiff im finstren Meer. Van Eeden ist ein Wiederholungstäter.

van-EedenDie Handzeichnung ist eine traditionsbehaftete Gattung. Daraus zu schließen, Marcel van Eeden hielte sich fern von neuen Technologien, wäre allerdings falsch. Sieben Jahre lang ließ er sich in einem Web-Log beim Arbeiten über die Schulter schauen. Zur Zeit arbeitet er mit einem Game-Designer an einem Computerspiel, in dem die Spielfiguren wie seine Helden heißen und sich durch seine gezeichneten Räume bewegen. Aber er liebt eben auch die Konzentration auf die kleine Form, die Intimität des Zeichnens am Tisch, zu sehen, wie mit etwas weniger Druck aus dem Handgelenk Licht in den Strich gerät. Und er liebt die Vorstellung, dass er wenig braucht, nur Papier und einen Stift, um arbeiten zu können. „Auch wenn ich arm wäre, oder fliehen müsste, dann passt alles in einen Koffer.“ Das ist ein romantisches Bild für einen Künstler, der tatsächlich oft mit seinen Zeichnungen im Koffer unterwegs ist, aber nicht auf der Flucht, sondern zwischen seinen Familien und Kindern, die in Zürich und Den Haag leben, und einer kleinen Wohnung in Berlin. Und er ist nicht arm, sondern sehr erfolgreich am Kunstmarkt.

Das Bild von der Flucht aber passt zu seinem oft so verschwörerisch anmutenden Werk, weil es an die Zeiten erinnert, als die Kunst der Moderne verfolgt und diffamiert wurde – unter den Nationalsozialisten. Bildzitate aus dieser Zeit tauchen in den Bildfolgen oft in geheimnisvollen Zusammenhängen auf, moderne Kunst scheint dabei nicht selten ein Gegenstand krimineller Machenschaften zu sein. Ganz ausbuchstabieren lässt sich das kaum, denn van Eeden erzählt selten linear und logisch. Auch moderne Architekturen werden immer wieder zu Schauplätzen des Geschehens: So bildet das Spiel mit den Chiffren dessen, was vor Jahrzehnten als modern galt, einen roten Faden seiner Serien.

„In diesem Modernismus der 40er-, 50er-Jahre und schon davor war so ein Idealismus, so viel Hoffnung enthalten und so viel freie Expression“, sagt Marcel van Eeden und klingt dabei fast etwas sehnsüchtig. „Heute kann man das nicht mehr, heute braucht man einen Grund für die freie Expression. Vielleicht wäre ich heute gerne ein modernistischer Maler, aber das geht nicht mehr ungebrochen, sondern nur mit einer ironischen zweiten Ebene.“ So muss er sich eben, wie ein Romanautor seine Erzählfiguren erfindet, seine Künstlerfiguren erfinden und in deren Haut und Hand schlüpfen, um so zeichnen zu dürfen wie Picasso und andere.

Seine Bildfolgen sind so immer Collage-Romane, beruhend auf fotografischen Vorlagen aus der Zeit vor 1965, dem Jahr seiner Geburt. Die Bilder entstehen jedes für sich, die Verknüpfung erfolgt später. Van Eeden fühlt sich dabei manchmal wie ein Wissenschaftler, der Fakten aus der Vergangenheit in verschiedene Kontexte setzt und so aus einem Detail neues Wissen gewinnt. Als er studierte, 1989 bis 1993 an der Akademie in Den Haag, waren solche erzählenden Konzepte verpönt, „literarisch galt als Schimpfwort“, sagt er. Er hat sich glücklicherweise nicht darum geschert.

Text: Katrin Bettina Müller

Marcel van Eeden: „Schritte ins Reich der Kunst“ Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di-So 11-18 Uhr, 25.11.-30.1.2011

Bilder: Galerie Zink Berlin-München

Mehr über Cookies erfahren