Ausstellungen

Mario Mazzoli und die Welt der Töne

mazzoli.Tranquilizer Trotzki: Seine Phrasen ertönen jetzt aus einer Spieluhr, transformiert in sanftes Klingeling von Brandon LaBelle. Der amerikanische Künstler und Kulturtheoretiker übersetzte Revolutionsparolen unterschiedlicher Herkunft in die naiven Tonfolgen der kleinen Musikmaschine. „Der Staat muss das Instrument der Massen werden“ – Sätze wie dieser klingen auf einmal wie Schlaflieder. Im Raum nebenan hat Pe Lang eine spannende Apparatur aufgebaut. Eine elektronisch gesteuerte Pipette speit im Gleichtakt Wassertropfen. Sie formen sich zu kugelrunden Perlen. In Reih und Glied liegen sie da, bis sie verdunstet sind und der Prozess von vorn beginnt. 21 mal 21 schillernde Pünktchen im Quadrat, die den Blick fesseln. War er im ersten Leben Präzisionsmechaniker? „Ich komme aus der Schweiz“, sagt der 36-Jährige und lacht. Wer die  Räume von Mario Mazzoli betritt, betritt Neuland. „Ich bin sehr begeistert, dass es so eine einzigartige Galerie gibt, wo man wirklich Ungewöhnliches entdecken kann“, meint Kurator Marc Wellmann. Der Ausstellungsleiter am Georg-Kolbe-Museum kennt die kinetische Kunst und arbeitet bereits zum zweiten Mal für den Junggaleristen.

Von den Nebelformationen in mannshohen Glasvitrinen, die Donato Piccolo mit „Hurricane“ heraufbeschwor, schwärmt er noch heute. Vor zwei Jahren startete Mazzoli in Berlin seine Galerie für Multimedia und Klangkunst. Zuvor lehrte er in New York Musik­theorie und Keyboard. „Berlin ist ein Pool der neuen Musik“, sagt der Italiener. Bei ihm übt sie den Zusammenschluss mit der bildenden Kunst, entfaltet sinnliche Wirkung – für Auge und Ohr. Um Musikern einen neuen Markt zu eröffnen, entschied Mazzoli­ sich, das Galerien-Spektrum in der Hauptstadt zu erweitern. Berlin habe den gleichen Stellenwert wie New York in den 80er-Jahren und früher Paris. Viele Künstler leben hier – für den Sohn eines klassischen Galeristen das beste Standort-Argument. Auch Andy Graydon, 1971 auf Hawai geboren, und die 36-jährige­ Griechin Marianthi Papalexandri-Alexandri, die völlig neuartige Instrumente baut, haben ihren Lebensmittelpunkt in Berlin. In fünf Räumen der Galerie präsentieren sie zusammen mit Lang und LaBelle ihre Vorstellung von „Decay“. Das „Verwesen“, „Verwelken“ konkretisiert sich im An- und Abschwellen der Töne oder ganz lautlos in der Bewegung von Licht oder Wasser. Besonders anschaulich wird die Metapher vom Werden und Vergehen in Graydons Installation eines Schuttberges, auf den ein Videobeamer einen schmalen Lichtstreifen projiziert. Er wird immer kürzer. So kann der Betrachter über die End-Zeitlichkeit sinnieren, wenn er im Dunkeln die Arbeit auf sich wirken lässt. Das ist das Schöne an diesem Ort für Kunst-Neugierige: Der Kopf ist immer involviert. Er wird nicht gelangweilt durch Flachware von der Stange. Aufgewachsen zwischen Malerei von Sandro Chia und der ­Transavanguardia, setzt Mazzoli auf multimediale Kost und akustische Signale, installiert zu Bildern, die vor allem im Kopf entstehen. Seit der Galerieeröffnung 2009 hat sich das Konzept erweitert, ist weniger streng. Mazzoli achtet darauf, dass auch der Schauwert stimmt. Selbst Bewerbungsmappen von Malern guckt er sich an. Es könnte ja wieder einer wie Guido Canziani-Jona dabei sein, der komponierende Maler – oder malende Komponist.

mazzoliIm „Stattbad“ Wedding, wohin sich die Galerie Mazzoli eine Ausstellung lang erweitert, sorgt Canziani-Jona mit Douglas Henderson, Schöpfer elektro-akustischer Töne, und Marianthi Papalexandri-Alexandri für „The Sound of No-One“. In der Mehrzahl sind bei Mazzoli nicht bildende Künstler am Werk, die mit Klängen experimentieren, sondern Musiker, die medienübergreifend arbeiten. Auch vom Tanz, Theater und Film kommen Künstler. Im Blick über den Tellerrand der Sparten liegt viel innovatives Potenzial. „Die Leute sind es nicht gewöhnt, nur auf Klänge zu hören, deshalb geben wir ihnen auch visuelle Haltepunkte“, sagt der Mann aus Modena. Seine Räume am Checkpoint Charlie hat Mazzoli gegen solche in Schöneberg eingetauscht. Manche Werke nimmt er in Kommission, andere gibt er in Auftrag. Schon für rund 3000 Euro kann man eine Arbeit erwerben. Natürlich kosten große Installa­tionen mehr. Bedenkt man die teuren Herstellungskosten, sind die Preise aber günstig. Gleichzeitig besitzt die tönende Kunst einen Mehrwert, der ­Gemälden fehlt. Sie dringt tiefer, als das Auge reicht. Im Versuch Canziani-Jonas, die Struktur der Seele einzufangen, wird das ebenso­ deutlich, wie bei Pe Lang, der verblüfft und verzaubert. Seine „Moving Objects“ erinnern an die Wellen des Meeres. Bei Betrachtung ganz Ohr – so kehrt innere Ruhe ein, die die lärmende Welt vergessen macht.

Mazzoli ist mutig. Eine kommerzielle Galerie für Experimentelles, die die Grenzen der Gattungen sprengt und speziell auf die Bedürfnisse der komponierenden Zunft zugeschnitten ist, ist einmalig. Weltweit gibt es zwar eine Handvoll Klanggalerien – in Berlin etwa die Singuhr –, aber nicht als Forum für Kunstkäufer und Musikfreunde. Wie kam der Vermittler, der am liebsten Klassik von Mozart bis Stockhausen hört, auf die Idee? Ist es nicht schwer, konservative Kunstsammler für das Reich der Töne zu begeistern? „Für einen Nobody, der gerade eröffnet hat, ist es natürlich schwer. Sicher wäre es einfacher, Bilder an die Wand zu hängen, aber die Sammler suchen auch nach Neuem“, findet er. Nach zwei Jahren ­Erfahrung fällt seine erste Bilanz positiv aus. „Ich denke, es geht jetzt immer besser.“ Auch für seine Künstler gebe es verschiedene Auftrittsmöglichkeiten, in Clubs beispielsweise, Radioaufträge und ­anderes. „Davon kann einer leben. Das geht nur in Deutschland.“ Ansonsten sei es die einzige Chance für einen Neutöner, an einer Hochschule einen guten Job zu kriegen. Mazzoli spricht da aus ­Erfahrung, war er doch selber früher Hochschullehrer in den USA. Nun erweitert er den Horizont der Berliner und der internationalen ­Besucher. Ein Galerist, der eingefahrene Bahnen der Wahrnehmung verlässt. Schließlich hat unsere Wirklichkeit mindestens ebensoviel mit Stille und Geräuschen zu tun wie mit bunten Bildern.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Benjamin Pritzkuleit (Porträt), Galerie Mazzoli

Decay
Galerie Mario Mazzoli, Potsdamer Straße 132, Tiergarten, Di-Sa 12-18 Uhr, bis 12.3.2011, www.galeriemazzoli.com

The Sound ouf No-One Stattbad Wedding, Gerichtstraße 65, Wedding, Mi-Sa 14-19 Uhr, bis 26.2.2011

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