Ausstellungen

Mathilde ter Heijne im Haus am Lützowplatz

Mathilde ter Heijne im Haus am Lützowplatz

Ausstellungstitel wie "Fuck Patriarchy!" und "Long Live Matriarchy!" sagen bereits, wo es bei der in Straßburg geborenen niederländischen Künstlerin langgeht. Mathilde ter Heijne, die international ausstellt und seit 2011 eine Professur an der Kunsthochschule der Universität Kassel hat, stellt sich unaufhörlich die zentralen Fragen: Warum sind wir so, wie wir sind? Warum bin ich anders als andere? Wie entstehen gesellschaftliche Wertungen? Und warum unterscheiden sie sich in unterschiedlichen Kulturen?
Und am wichtigsten: Wie können wir gesellschaftliche Strukturen verändern?
Mathilde ter Heijnes Arbeiten begegnen uns in ästhetisch ansprechender Form und offenbaren auf oft spielerische, leichte Art ein ganzes Desaster. So wie bei ihrer Postkartenserie "Woman to Go", die seit 2005 ständig anwächst. Auf jeder dieser Karten ist eine Frau abgebildet, fotografiert zwischen 1840 und 1920. Auf die Rückseiten ließ die Künstlerin jeweils die Kurzbiografie der einst prominenten, aber heute vergessenen Frauen drucken, alle Pionierinnen ihrer Zeit, die in der offiziellen Geschichtsschreibung übergangen werden. Die Karten können mitgenommen und verteilt werden, die Dargestellten erhalten damit wieder neue Bedeutung.   
Die Werke der Künstlerin entstehen nicht selten in Kooperation mit ebenfalls engagiert arbeitenden Gruppierungen. Einmal hergestellte Kontakte pflegt ter Heijne weiter, wie zum Beispiel zu den Textilarbeiterinnen in Istanbul, mit denen sie 2010 das Projekt "Olacak!" gestaltet hat (zu sehen zurzeit in der Galerie im Körnerpark), ein Vorläufer des neuen Projekts "It will be!".
Für "It will be!", entstanden in Istanbul, Freiburg und nun auch Berlin, arbeitete ter Heijne mit professionell handarbeitenden Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen – Männer nehmen dabei nur in geringer Prozentzahl teil. Für die Ausstellung im Haus am Lützowplatz entstand gemeinsam mit etwa dreißig sozial engagierten Institutionen und Vereinen wie dem Mama Afrika e.V., mit dem das Projekt zusammen organisiert wurde, eine Rauminstallation aus etwa zweihundert dreieckigen individuell gestalteten Kissen. Alle offensichtlich mit großer Hingabe produziert, umfassen sie ein Spektrum von künstlerisch gestalteten Stoffarbeiten bis zu kitschigen Schleifen oder Statements auf der Rückseite. Für Mama Afrika ist die Kritik an der Klitorisbeschneidung zentrales Thema, eines der dreieckigen Kissen zeigt eine kunstvoll gestaltete Vagina.
Unter einem farbenfrohen Stoffdach auf selbst produzierten Sitzkissen – ein Ort, an dem Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen ihre Visionen miteinander verbinden – kann diskutiert und sinniert werden. Die interaktive Videoinstallation in Zusammenarbeit mit den Chicks on Speed unterstreicht den spielerischen Charakter, mit dem die hochernsten Themen vermittelt werden.  
In ihrem Berliner Atelier, wo noch kurz vor Ausstellungsaufbau die vielen Dreiecke auf Arbeitstischen lagen und zusammen mit den sich stapelnden Sitzkissen für herzliches Chaos sorgten, sah sich Mathilde ter Heijne während des Interviews um und bemerkte: "Manchmal frage ich mich: Warum sitze ich nicht einfach in Ruhe in meinem Atelier und male?" Diese Frage beantwortet sich bei der Betrachtung ihrer engagierten, lebendigen Kunst von selbst.

Text:
Constanze Suhr

Foto: F Anthea Schaap

Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, bis 5.6.

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