Ausstellungen

Mathilde Vollmoeller u.a. Künstlerinnen zur Jahrhundertwende – Teil 2

Typisch indes ist ihre weitere Ausbildung an der renommierten Pariser Acadйmie Julian, die ab 1868 Malklassen für Frauen eingerichtet hatte. Nur zögerlich allerdings lockerte sich das Gebot der Schick­lichkeit, als Frauen des gehobenen Bürgertums keinesfalls ohne Anstandsdame auszugehen und mitnichten Restaurants, Cafйs, geschweige denn, Bars zu besuchen – alle­samt beliebte Sujets der tonangebenden Impressionisten. Gleichviel war die Ausbildung der ausgestellten Malerinnen so gediegen, dass sie sich über das Bildthema hinaus brennend für neue Sicht- und Malweisen interessierten.

Lepsius, die anfänglich noch an Lenbachs bräunlichen Galerieton anknüpft, schlägt im Porträt ihrer Schülerin und Freundin Mathilde (1900) eine lichtere Farbigkeit an, gemahnt hier an Bildkonzepte eines Cйzanne, der die Farbe zunehmend vom Gegenstand löst. Zweifelsohne war dieser „Vater der Moderne“ auch für Mathilde Vollmoeller eine Offenbarung, als sie 1906 nach Paris ging. In Rilkes „Briefen über Cйzanne“, die einen entschiedenen Einfluss auf sein Dichten bewirkten, ist nachzulesen, dass die Malerin es war, die ihm Cйzannes Prinzip der rйalisation plastisch erschloss: „Es ist wie auf eine Waage gelegt; das Ding hier, und dort die Farbe; nie mehr, nie weniger, als das Gleichgewicht erfordert.“ Mathilde arbeitet besonders in ihren poetischen Aquarellen mit „Äquivalenten“: In ihrer Ostseelandschaft von Bansin deutet sie allenfalls kryptisch Wasser- und Dünen­zone an. Es dominieren locker hingesetzte mi­mo­sen- und türkisgrüne Farbfle­cken die Szene. Ähnlich legt sie ihre „Stadtlandschaft Berlin“ an, welche das Weichbild der Türme einbettet in die grüne Lunge der Metropole. Lange Zeit war einhellige Meinung, dass Mathilde Vollmoeller mit der Geburt ihrer drei Kinder das Malen aufgegeben habe. Doch als 1999 Kurator Adolf Leisen in Zürich einen Seekoffer aus dem Nachlass der Tochter Regina öffnete, traten neben einer Fülle von Briefen und Dokumenten auch eine Fülle von Aquarellen zutage. Ihr „Stillleben mit Kamelie“ von 1913 gilt als letztes Ölbild der 1943 Gestorbenen. Doch war Mathilde künstlerisch wei­terhin aktiv trotz ihrer Familie und der zu leistenden seelischen Aufbauarbeit für ihren oft melancholischen Gatten. Die Künstlerin verlegte sich bloß auf die weniger aufwendige Technik der Aquarellmalerei. Sie knüpft mit ihnen an frühe Ölgemälde ihrer Berliner Zeit an, die mit ihrer kühnen Formensprache beinahe in Abstraktion übergehen, wie z.B. in ihrer „Holländischen Straßenlandschaft“ (1907). Bereits vier Jahre zuvor hatte Leo von König, neben Liebermann und Corinth wichtigster Repräsentant der Berliner Secession, ihre Begabung erkannt: „Sie haben ein famoses Talent, und aus Ihnen muss etwas werden.“
Nachdem sie 1908 auf Anraten ihres späteren Mannes Hans Purrmann in die Acadйmie Matisse eintritt, ändert sich ihre Farbpalette radikal: Statt lichter Pastelltöne gewinnt nun ihr Spiel mit Komplementär­kon­trasten an Bedeutung. Vor allem Stillleben und Landschaften malt sie nun wie in Flammen stehend. Frappierend sind ihre Akte aus der Pariser Zeit von 1907 bis 1914. Im Vergleich mit Aktbildern ihres Mannes wird deutlich, wie weit sie sich hier entfernt vom klassischen Schönheitsideal. Ungeschminkt schildert sie in Haltung und Mimik die in der Regel unterprivilegierten Modelle. Hans Purrmann, der 1908 in der Galerie Cassirer das Herz der Berliner vergebens für Matisse zu gewinnen suchte, musste zusehen, wie Max Liebermann bei einem Besuch angesichts der Fauves-Gemälde um der „Jugend Verderben“ fürchtete – und es vorzog, sich mit seinem Da­ckel zu beschäftigen.

Mitbegründerin der legendären Acadйmie Matisse war die im Elsass geborene Marga Moll, Schülerin von Lovis Corinth, die mit bemerkenswerten Plastiken vertreten ist. Während ihre „Am Weg Sitzende“ (1911) noch auf die nervöse Oberfläche eines Rodin verweist, gerinnt ihre „Stehende mit Krug“ (1928) zur kubischen Form. Konventioneller erscheinen die Landschaften und Porträts von Maria Slavona, die sich als Altersgenossin von Lepsius gleichfalls in Paris durchschlug. Am ehesten erinnern sie an Corinth. Bezeichnend, dass ein misogyner Kritiker wie Karl Scheffler, der 1908 in seinem Pamphlet „Die Frau und die Kunst“ einen Geschlechterdarwinismus zugrunde legte und nachdrücklich vor einer „Vermännlichung“ der Künstlerinnen warnte, bilanziert: „Gerade, wenn man grundsätzlich nicht viel von dem Künstlertum der Frau hält (…) ziemt es sich, auf eine Malerin wie diese besonders hinzuweisen.“ Obwohl zu diesem Zeitpunkt starke Talente wie Paula Modersohn oder Käthe Kollwitz reüssierten, vermochte er wenig adäquate Genies wie Slavona auszumachen.
Energisch hält hingegen Sabine Lepsius auf dem Internationalen Frauenkongress 1904 in Berlin ein Plädoyer für konsequentes Einmischen ihrer Kolleginnen auf Augenhöhe, für eine klare Professionalisierung ihrer Kollegen und warnt vor einem freiwilligen Abdrängen in die „Frauenecke“: „Ein ganzes Heer von Dilettantinnen drängt sich gewaltsam in die Reihe der Künstler und Künstlerinnen, treibt dort sein Wesen und schädigt auf das Bedenklichste das Ansehen der Künstlerinnen. (…) Der praktische Vorschlag zur Bekämpfung des Dilettantismus, den ich zu machen habe, ist dieser: Die Frauen sollten sich mehr und mehr von Kunstausstellungen und Frauenvereinigungen zurückziehen und stattdessen die Aufnahme in Künstlervereinigungen und in Ausstellungen anstreben, die sich ja gar nicht ablehnend gegenüber Frauen verhalten.“

Text: Martina Jammers
Foto: Stadt Speyer


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Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876–1943)
im Kunstforum der Berliner Volksbank
tgl. 10-18 Uhr, 17.2.-16.5.2010
Eintritt: 4/3 Ђ (inkl. Filmvorführung), Kinder, Jugendliche bis 18 Jahre, Schulklassen sowie Bankteilhaber haben freien Eintritt;
Führungen: So 11 Uhr oder nach vorheriger Anmeldung;
Kinder- und Jugendführungen: kostenfrei für Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen nach vorheriger Anmeldung

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