Ausstellungen

Mathilde Vollmoeller u.a. Künstlerinnen zur Jahrhundertwende

Mathilde_VollmoellerNicht erst seit der Wende hegen Schwaben eine offenkundige Schwäche für Berlin. „Sie war eine lichtblonde, kleine Gestalt, ausgesucht malerisch gekleidet und eine Augenweide für uns alle, obschon ihr württembergisches Zünglein manchmal recht scharfe Urteile fällen konnte“, erinnert sich die Porträtmalerin Sabine Lepsius lebhaft an ihre Schülerin Mathilde Vollmoeller. Nachdem die Tochter eines wohlhabenden Stuttgarter Textilfabrikanten 1897 nach Berlin übergesiedelt war, fasste sie flugs Fuß in der Kulturwelt wie in der Haute Volйe an der Spree. In ihrem Elternhaus mit neun Geschwistern hatte sie eine umfassende musische Bildung genossen, war polyglott und nicht erst durch den frühen Tod der Mutter gewohnt, souverän auf dem gesellschaftlichen Parkett aufzutreten: „… und ich habe in meiner Jugend bei Rathenaus, Deutschs und Fürstenbergs in hausgemachten Kleidern getanzt.“ Sie war zur rechten Zeit am rechten Ort. Nachdem das leuchtende München als Kunstmetropole zunehmend verglühte, trat Berlin im Fin de Siиcle energisch die Nachfolge an. Trotz der kaiserlich verordneten nationalen Historienschinken а la Anton von Werner ließ sich Museumsdirektor Hugo von Tschudi nicht den Mund verbieten und erwarb Avantgardekunst aus Paris.

Progressive Galerien wie Cassirer schauten ebenfalls über den vaterländischen Tellerrand und erwarben Cйzanne, Rodin und Seurat. Diese Aufbruchsstimmung lockte nicht nur Künstler wie Slevogt und Corinth an. Nicht zuletzt deshalb erwies sich Spree-Athen als attraktives Pflaster für eine Generation junger Damen aus dem Bildungsbürgertum, die hier ihre Ausbildung aufnahmen. Käthe Kollwitz, Paula Modersohn und Charlotte Berend-Corinth zählen zu den klangvollsten Namen. Zwar durften Frauen erst ab 1919 ein Kunststudium an der Akademie der Künste aufnehmen, doch konnten sie sich um 1900 im Verein der Berliner Künstlerinnen sowie in weiteren privaten Malschulen professionell unterweisen lassen. Insbesondere trat in Berlin ein neuer Typ von angehenden Künstlerinnen auf den Plan, denen ihr Metier weit mehr bedeutete als das jahrhundertelang kultivierte geschlechtsspezifische Dilettieren mit Pinsel oder auf dem Piano. Lange vor den flotten Zwanzigern suchten sich hier Frauen zu etablieren, die professionell ihre Talente ausbauten, dadurch zunehmend von Kollegen wie Kritikern jenseits des Verdikts als „Malweiber“ endlich ernst genommen wurden – und dennoch immer wieder am Scheideweg zwischen Familie und Beruf standen.

Die leidige Work-Life-Balance-Problematik stellte sich den Geschlechtsgenossinnen auch schon vor 100 Jahren. Überdies waren sie oftmals mit Künstlerkollegen liiert, was mehr oder weniger subtile Konkurrenz- und Eifersuchtsgefühle zum Dauerbrenner machte. Diesem spannenden und spannungsreichen Phänomen widmet sich nun die Ausstellung im Kunstforum der Berliner Volksbank. Im Mittelpunkt steht die hoch­begabte Mathilde Vollmoeller (1876–1943), die auf vielfältige Weise mit „ihren Weggefährtinnen“ verknüpft war, die nun in Dialog zu ihrem Њuvre treten: ihre Lehrerin Sabine Lepsius (1864–1942), Marg Moll (1884–1977) sowie Maria Slavona (1865–1931). Obwohl die feministische Kunstgeschichte in den letzten drei Jahrzehnten mächtig aufgeholt hat und so manche vergessene Künstlerin wieder ausgrub, sind deutsche Museumssäle bis heute höchst spärlich mit Malerinnen und Bildhauerinnen bestückt. Was zur Folge hat, dass einem viele einst über Deutschland hinaus bekannte Namen nichts mehr sagen. So wie Sabine Lepsius, die gemeinsam mit ihrem ebenfalls malenden Mann Reinhold einen illustren Salon führte. Hier richtete sie Lesungen mit Stefan George aus, hier gaben sich Walther Rathenau, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke die Klinke in die Hand. Zu derartigem Geistesadel gesellte sich selbstredend gerne das gehobene Berliner Bürgertum: die ideale Zielklientel, welche Lepsius’ Porträtaufträge bescherte. Noble Damen sind darunter wie Johanna Springer, Enkelin des Verlegers Julius Springer. Oder die legendäre Schauspielerin Gertrud Eysoldt in ihrer Rolle als nicht nur koboldhafter Puck in Max Reinhardts „Sommernachts­traum“. Spontan und unge­küns­telt wirken ihre zahlreichen Kinderbildnisse. Sie war befreundet mit der Kinderpsychologin Ellen Key, deren bahnbrechende Studie „Jahrhundert des Kindes“ (1902) für das natürliche Heranwachsen des Kindes plädiert.
Entsprechend zeigt Lepsius ihre kleinen Modelle in lässiger Haltung mit angewinkelten Beinchen und ohne die übliche Pose, dafür sich kindgemäß räkelnd. Eher untypisch für die Vita der neuen Künstlerinnengeneration ist, dass gleich beide Elternteile von Sabine Lepsius Maler waren.

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Text: Martina Jammers
Foto: Gerhard Kayser/Speyer.jpg

Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876–1943)
im Kunstforum der Berliner Volksbank
tgl. 10-18 Uhr, 17.2.-16.5.2010
Eintritt: 4/3 Ђ (inkl. Filmvorführung), Kinder, Jugendliche bis 18
Jahre, Schulklassen sowie Bankteilhaber haben freien Eintritt;
Führungen: So 11 Uhr oder nach vorheriger Anmeldung;
Kinder- und Jugendführungen: kostenfrei für Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen nach vorheriger Anmeldung

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