Vermächtnis

Max Beckmann in der Sonderausstellungshalle am Kulturforum

Doppelgesichtiger Fan: Barbara Göpel vermachte der Nationalgalerie Berlin zwei Gemälde und 100 Papierarbeiten von Max Beckmann – gesammelt von ihrem Mann Erhard Göpel, der Beckmann-Fan und Hitler-Kunstbeschaffer war

Max Beckmann Siesta, 1923 Kaltnadelradierung © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Bedrückt sieht er auf dem Ölbild aus. Die Zigarre in der rechten Hand, den Kopf durch die linke abgestützt, blickt Max Beckmann auf den Betrachter. Das „Selbstbildnis in der Bar“ entstand 1942 in schweren Zeiten. Seine Werke zählten wie die vieler Kollegen im Dritten Reich zur „entarteten“ Kunst. In Deutschland durfte er nicht mehr ausstellen, ging zunächst nach Amsterdam ins Exil. Doch wovon sollte er dort leben? Sehr ernst präsentiert er sich in seinem Selbstporträt.

Künftig wird das Gemälde mit 46 Zeichnungen und 52 Grafiken die Sammlung der Nationalgalerie und des Kupferstichkabinetts bereichern. Die 2017 im Alter von 95 Jahren in München verstorbene Witwe des Kunsthistorikers Erhard Göpel hat das Beckmann-Konvolut (plus ein Landschaftsbild von Hans Purrmann) den Staatlichen Museen in Berlin vermacht. Barbara Göpel erlebte den Künstler noch selbst, gründete 1951 die Max-Beckmann-Gesellschaft und verfasste – zunächst mit ihrem Mann – das Werkverzeichnis seiner Gemälde.

Erhard Göpel war eine widersprüchliche Figur, einerseits Beckmann-Bewunderer, andererseits – ähnlich wie der NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt – im besetzten Holland, Belgien und Frankreich als Einkäufer für das geplante „Führermuseum“ in Linz unterwegs. Mit Hilfe jüdischer Kunsthändler und oft auch aus geraubtem Besitz trug Göpel Kunstwerke zusammen. Bilder des unerwünschten Künstlers Beckmann, mit dem er befreundet war, ließ er heimlich als Beipack zu dessen Münchner Kunsthändler transportieren. Der Verkauf half diesem, zu überleben. Sein undurchsichtiger Verehrer hat den kranken Künstler auch vor der Musterung bewahrt. Zum Dank malte Beckmann 1944 in seinem Amsterdamer Atelier ein monumentales Porträt des Kunsthistorikers.

Es ist ebenfalls Teil der Ausstellung „Max Beckmann. Das Vermächtnis Barbara Göpel“. Sie berührt auch die ambivalente Rolle des 1966 verstorbenen Kunsthistorikers Göpel im Dritten Reich. Zudem wird die Erforschung der Herkunft der Werke beleuchtet.

„Die Ausstellung besitzt insgesamt Werkstattcharakter, möchte sie doch der Öffentlichkeit einen ersten, umfassenden Blick auf das Vermächtnis von Barbara Göpel bieten – und verdeutlichen, dass in Sachen Provenienzen trotz intensiver Forschung in den letzten Monaten noch nicht für alle der 100 Werke Beckmanns das letzte Wort gesprochen sein kann“, erläutert Andreas Schalhorn, Referent für moderne Kunst am Kupferstichkabinett. Dass es sich bei einzelnen Werken um NS-Raubkunst handelt, sei aber „ziemlich unwahrscheinlich.“ So habe Göpel vieles direkt „beim Künstler in Amsterdam erworben oder erst auf Auktionen nach Ende des Zweiten Weltkriegs – etwa aus der bekannten Frankfurter Zeichnungssammlung von Walter Carl“.

Berührend sind zahlreiche Skizzenbuchblätter, die in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs entstanden. Während seines Sanitätsdiensts an der Ostfront und in Flandern erlitt der Künstler einen Zusammenbruch, der aber gleichzeitig auch zu einer ganz neuen Qualität in seiner Kunst führte. Viele dieser Zeichnungen schlummerten Jahrzehnte im Verborgenen. Ein bisschen unwohl ist einem schon bei dem Gedanken, dass wir das Vergnügen, sie zu sehen, einer zwielichtigen Figur verdanken.

Max Beckmann. Das Vermächtnis Barbara Göpel Sonderausstellungshalle am Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, 26.10.–13.1.

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