Ausstellungen

Menschenbilder der 20er und 30er Jahre bei Werner Fischer

Rudolf_Schlichter_FrauenbildnisFelix Nussbaum lebte gleich nebenan. Nahe dem Adenauerplatz, wo der Kunsthändler Werner Fischer seine Räume hat. 1933 emigrierte der Maler des Neuen Realismus, wurde zehn Jahre später in Belgien aufgespürt und in Auschwitz ermordet. 1933 begann die große Flucht vor den Nazis, nicht nur für ihn. Künstler wie der Berliner Werner Scholz, der es wagte, den einzigen Bischof zu malen, der gegen die Nationalsozialisten wetterte, versteckten sich in den Bergen. Andere wie der Dresdner Hubert Rüther, ein Studienkollege von Conrad Felixmüller, setzten ihrem in der Stahlfabrik ruinierten Leben 1945 ein Ende. Hinter jedem Bild ein Schicksal. Daran erinnern die faszinierenden Gesichter der rund zwei Dutzend Porträts und Menschenbilder, vornehmlich aus den 20er und 30er Jahren, die Fischer versammelt.

Nussbaum ist nicht dabei, aber viele seiner Kollegen, bekannte und unbekannte. Eine ganze Künstlerschicht wurde ja aus Deutschland verdrängt, Schöpfer „entarteter“ Kunst, dabei nur wahrhaftig. Zum Glück sind etliche Werke geblieben. Sie verdeutlichen umso mehr das kul­turelle Potenzial, das zerschlagen wurde. Gramatte_1922Geradezu prophetisch wirkt Rudolf Schlichters scharfsichtige Darstellung seiner Gattin Speedy. Das hypnotisches „Frauenporträt“ von 1933 erscheint wie eine Zukunftsvision. Im Hintergrund der realistisch und plastischer als auf jedem Foto Hervortretenden tut sich eine düster-karstige Mond-Landschaft auf, der nahende Untergang. Neben dem Glanz der Neuen Sachlichkeit sind auch expressive Tendenzen vertreten. Etwa „Die Knaben mit dem Fächer“ des Berliner Malers Helmut Kolle (1899-1931), Onkel des Sexaufklärers Oswalt. Es sind Entdeckungen wie diese und der Blick zurück, die einen anders aus der Galerie herauskommen lassen, als man hineingegangen ist.

Text: Andrea Hilgenstock

(tip-Bewertung: Herausragend)

Der Mensch im Bild
Fischer Kunsthandel & Edition, Xantener Straße 20, Wilmersdorf,
Di-Fr 11-13 + 14.30-19 Uhr, Sa 11-14 Uhr,
bis 30.1.2010 (Winterpause 22.12.-2.1.)

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