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„Meret Oppenheim. Retrospektive“ im Martin-Gropius-Bau

Meret_Oppenheim_01_c_VG_BildKunstIhre berühmte „Pelztasse“, die noch im Entstehungsjahr 1936 von Gründungsdirektor Alfred Barr angekauft wurde, musste leider im New Yorker MoMA bleiben. Die einmalige Melange aus Anziehung und Abstoßung. Dazu gibt es nun im Gropius-Bau genügend originelle Alternativen, etwa „Verkleiden Sie sich als Eisbär“ aus dem Jahr 1935 oder „Fahrradsattel, von Bienen bedeckt“ (1952) und „Das Ohr von Giacometti“ (1958). Die vor 100 Jahren in Charlottenburg zur Welt gekommene Meret Oppenheim bezirzte durch witzige Einfälle und Titel. Ähnlich wie ihr Freund und Kollege Max Ernst. Ihren Einstand in die Welt der Surrealisten fand sie 1933 durch ein berühmtes Foto: Man Ray nahm die mondäne Schöne nackt an der Druckerpresse auf, Hand und Unterarm erotisch geschwärzt. Dies war natürlich in ihrer Elternheimat, der Schweiz, ein Affront. Beeinflusst durch die Schriften von C. G. Jung, der zum weiteren Freundeskreis ihres Vaters – einem Arzt – gehörte und den sie 1935 persönlich konsultierte, protokolliert Meret Oppenheim ihre Träume: „Es sind die Künstler, die träumen für die Gesellschaft.“ Motivische Elemente dieser Nachtfantasien wird sie oft viele Jahre später in einzelne Bilder einschleusen. Mit 16 Jahren sieht sie in Basel in einer Bauhaus-Ausstellung Werke von Paul Klee, die sie nicht nur beeindrucken, sondern auch „ihr Verständnis für nicht naturalistische Darstellung“ und die abstrakte Kunst wecken.

Im Jahre 1931 beschließt Meret Oppenheim, Malerin zu werden – und verlässt das Gymnasium. In Begleitung ihrer Freundin, der Künstlerin Irиne Zurkinden, reist die 18-Jährige nach Paris und besucht dort sporadisch die Acadйmie de la Grande Chau­miиre. Zugleich entdeckt Meret dort die Lyrik für sich. Ein Großteil ihres literarischen Werks entsteht in dieser Zeit. Diese Produktivität wurde ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, geht doch ihr Taufname auf das kleine Meretlein aus Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ zurück. Sie hat sich mehrfach auf diese Figur berufen: Die Legende des liebreizenden und unbezähmbaren, mit magischen Kräften ausgestatteten Hexenmädchens ventilierte Oppenheims Maskenspiele an der Grenze von Fiktion und Wirklichkeit. So verkleidet sie sich einmal als „Grabstein von Meretlein“ – mit einem Gewand aus oxidiertem Brokat, mit metallisch grün schimmerndem Gesicht, geschmückt mit blechernen Efeuranken vom Friedhof.

Meret_Oppenheim_10_c_VG_BildkunstIhre Bilder sind schlafwandlerisch und visionär. So wirbeln grasgrüne Rauten auf ein Gemälde danieder. Meret Oppenheim protokolliert es in den 1940er-Jahren: „Ich weiß nicht mehr, wann ich diesen Traum hatte. Ich ging auf einem steinigen Pfad einen Berg hinauf (es war der San Salvatore). Ich sah meine Freundin Irиne Zurkinden in sonnendurchschienenem hellgrünen Gebüsch stehen. Auch ihre Wimpern und Haare (die von Natur blond sind) hatten einen grünen Schimmer.“ Ihr Gemälde „Schneeschauer“ entbietet zwischen den Flocken den Blick auf Laubreste. Und „Eichhörnchen“ (1969, Foto rechts) parodiert bayerische Idylle: Neben einem Bierhumpen rankt sich ein buschiges Schwänzchen. Ihre surrealistischen Kollegen zollen ihr Hochachtung. So schreibt Max Ernst: „Das Weib ist ein mit weißem Marmor belegtes Brötchen. Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein. Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein.“

Ihre Materialvielfalt ist grenzenlos. Da kreuzen sich Strohhalme wie Mikadostäbe in „Gebäude“. Oder zerknautschte Schuhe zärteln sich in „Das Paar“. Und eine Schnur, mit Polyester gefestigt, trägt den hintersinnigen Titel „Wort, in giftige Buchstaben eingepackt“. Oppenheim zelebrierte lebenslänglich ihre Androgynie, inszenierte ihren knabenhaften Körper als „Garçonne“. Früh schon hatte sie Berührung mit der Poesie, war doch ihre Tante Ruth eine Weile mit Hermann Hesse verheiratet. Unvergesslich waren ihr die Aufenthalte bei den Großeltern im „Papageienhaus“ im tessinischen Carona hoch über dem Luganer See. In einem denkwürdigen Interview, das die Wiener Performance-Künstlerin Valie Export 1975 mit Oppenheim geführt hat, wird sie auf ihre Beziehungen zur „Männergruppe“ der Surrealisten angesprochen und auf ihre eigene Position im Ensemble: „Es gab wichtige Frauen da­runter wie Leonora Carrington und Toyen. Die politischen Überzeugungen der Surrealisten habe ich nicht geteilt.“

Meret_Oppenheim_03_c_ManRayTrust_VG_BildKunstBis zu ihrem Tod 1985 erlaubt sie sich den Luxus einer eigenen Meinung. Als sie 1985 den Kunstpreis der Stadt Basel erhielt, gibt Meret Oppenheim zu bedenken, dass ein weiblicher Künstler sich mehr zu plagen hat als die männlichen Kollegen: „Bei den Künstlern ist man es gewöhnt, dass sie ein Leben führen, wie es ihnen passt – und die Bürger drücken ein Auge zu. Wenn aber eine Frau das Gleiche tut, dann sperren sie alle Augen auf.“ Oppenheim war der Überzeugung, dass eine Frau die Verpflichtung habe, solche seit Jahrhunderten gültigen Tabus, die der Diskriminierung Vorschub leisten, über Bord zu werfen. Und sie wies darauf hin: „Man sollte sich daran erinnern, dass es Eva war, die zuerst vom Apfel am Baume der Erkenntnis, also des bewussten Denkens gegessen hat.“

Text: Martina Jammers

Fotos: Heinz Günter Mebusch / VG Bild-Kunst Bonn 2013 (Portät), Peter Lauri / VG Bild-Kunst Bonn 2013, Man RayTrust VG Bild-Kunst Bonn 2013 (unten)

Meret Oppenheim. Retrospektive Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 16.8. bis 1.12.

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