Ausstellungen

Michael Sailstorfer bringt Bäume zum Tanzen

M_Sailstorfer_c_harry_schnittgerIst er Glückskind oder Glückssucher? Michael Sailstorfer versteht die Frage nicht. Ist das nicht dasselbe? Nicht unbedingt. Die Glückssucher seiner hintersinnigen Aktion „Pulheim gräbt“ haben nicht alle gefunden, wonach sie fahndeten: pures Gold. Ein Glückskind wäre womöglich per Zufall drauf gestoßen. Was trifft auf ihn zu, den erfolgreichen Bildhauer? Zu suchen sei schon nicht verkehrt, aber man finde doch eher, wenn man nichts sucht. Sailstorfer kann seine Werke auch mal sich selbst überlassen. Dann erobert die Natur ein schwarz gefärbtes Waldquadrat zurück. Eine Überwachungskamera überträgt den Vorgang live in die Galerie. Kunst schafft ihre eigene Wirklichkeit. Mit ihr lenkt er den Blick auf die Kraft der Realität und auf die Vergänglichkeit, kreiert veränderliche, stets prägnante Bilder. Noch mal zu Pulheim, 2009. Als die Kulturverwaltung anfragte, ob er nicht eine Skulptur machen wolle, tauschte er den Ausstellungsetat in 28 Goldbarren und vergrub sie auf einer Freifläche in der Stadt. Kaum wurde dies auf der Pressekonferenz bekannt, rückten Bürger in Scharen mit Spaten an.

„Ich fand gut, dass sich ein Ort verwandelt, ohne dass man selbst Hand anlegt.“ Lange trage er Arbeiten wie diese im Kopf, sagt der 33-Jährige. Nach der Pressekonferenz machte er sich aus dem Staub. Die Fotos vom prozesshaften Ereignis überließ er Kölner Studenten für Medienkunst. Keiner weiß, ob da noch Gold liegt. „Es wird immer noch gegraben“, meint er lapidar.
Keine Frage, dieser Niederbayer, der vor zehn Jahren den Kunstmarkt mit einem Paukenschlag im öffentlichen Raum betrat, besitzt den Humor eines Karl Valentin und dazu Duchamp’schen Spürsinn. In seinem Atelier begegnet man Kleiderständern, die Kunst sind und ihre Alltagsfunktion doch nicht verleugnen. „Antenne (Kleiderständer)“, ausdrücklich zum Anfassen. Bewusst ungekünstelt sozusagen. Die Metamorphose der Dinge, die Transformation von Räumen und die Mimikry von Gegenständen spielt eine wichtige Rolle in seinem Werk. Sailstorfers Begriff von Plastik ist weit gefasst, knüpft an Fluxus und Happening ebenso an wie an die kinetische Kunst. Mal setzt er Reifen in Bewegung und macht durch den Abrieb von Gummi klar: „Zeit ist keine Autobahn“ heißt die Arbeit. Oder er bringt einen halben „Forst“ im Museum zum Tanzen. Ein Poet des Absurden, Erfinder und auch ein Handwerker ist dieser Künstler, der das Unerwartete ins Blickfeld rückt.

Trotz Grippe hat er sich ins Atelier geschleppt, nachdem das Töchterchen ihm um sechs Uhr morgens bereits die erste Kopfnuss versetzte. In den haushohen Räumen in Weißensee sieht man Bohrer und Kreissäge auf Werkbänken ebenso wie Kisten mit Lkw-Schläuchen. Letztere verwendet der Bildhauer gerne, samt Geruch oder Geräusch. Zur Eröffnung des Erweiterungsbaus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen dinierten 800 Gäste unter seiner „Cloud“, einer riesigen  dunklen Reifenwolke an der Decke. Wie kommt der in München und am Londoner Goldsmiths College ausgebildete Künstler bloß auf solch aberwitzige Ideen? „Ein Künstler agiert wie ein Schwamm.“ Er nehme auf, was passiert, lese Zeitung, sehe Filme. Seit einigen Jahren lebt Sailstorfer in Berlin. Auch ein gutes Atelier sei hilfreich und das Gespräch. Werden Worte in Gedanken gefasst, entstünde „mehr Klarheit“. Präzision ist ihm wichtig. Intellektuelle Verschraubtheit liegt im nicht. „Es ist immer besser, wenn eine Skulptur nicht ausdrücklich nach Kunst aussieht.“ Doch Einfachheit mit Esprit aufzuladen ist nie so leicht, wie es scheint. Auch die Alltagstauglichkeit des Lüsters aus Bierflaschen „Hangover“, der umso heller strahlt, je mehr Durstige ihn leeren, will konstruiert sein. In Jeans und Basecap wirkt Sailstorfer zwar lässig, doch auch wie einer, der ranklotzen kann. Kürzlich stellte er, der in einem Steinmetzbetrieb aufwuchs, mit seinem Vater bei Johann König aus. Wieder eine seiner Überraschungen.

M_Sailstorfer_c_harry_schnittgerEr wählte minimalistische Stelen, die sein Vater vor 30 Jahren fertigte, und kombinierte sie mit Beweglichem. Wie der Sohn hatte dieser einst Kunst studiert, dann aber den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen. „Er ist nicht Teil des Kunstmarktes, aber trotzdem gut“, meint Michael Sailstorfer, der den Weg wählte, den sein Vater Ende der 70er-Jahre nicht weiterging. Die Zeit sei damals für Künstler „viel schwieriger“ gewesen. Es habe „viel weniger Galerien“ gegeben. Aber doch auch weniger Konkurrenz, oder? Das Argument zieht bei ihm nicht. Es sei heute leichter, mit der Kunst ein Auskommen zu finden, glaubt Sailstorfer, der es geschafft hat. Er ist zweifellos einer, der weiß, was er will und kann, und der seine Freiheiten nutzt. Selbstbewusst lehnte er ab, als sein Vater ihn vor zehn Jahren fragte, ob er den Betrieb nicht noch eine Generation weiterführen wolle. Da war er schon dabei, den Kunstmarkt im Sturm zu erobern. Schon 2002 hat Susanne Gaensheimer, die im letzten Jahr den Schlingensief-Pavillon in Venedig kuratierte, den jungen Studenten entdeckt. Die Begeisterung für sein Planetensystem „Und sie bewegt sich doch“ war groß: „Shootingstar“ und ähnliche Etiketten wurden ihm aufgepappt. Aktuell sorgt er mit einer elf Meter hohen „Tornado“-Skulptur aus Lkw-Schläuchen in New York für Aufsehen. Seine Werke befinden sich in vielen wichtigen Sammlungen, von Christian Boros bis zum Centre Pompidou.

Für die Berlinische Galerie sucht der Vattenfall-Contemporary-Preisträger 2012 gerade nach Bäumen, die erste Blätter tragen. An Stangen kopfüber von der Decke baumelnd und durch Motoren im Kreis bewegt, werden sie im Ausstellungsraum ihr eigenes Laub fegen. Es ist ein maschinelles, Ressourcen vernichtendes Spiel zwischen Be- und Entschleunigung, das den Weltenlauf zwischen Form und Materie simuliert. Die Arbeit knüpfe an seine Anfänge an, als Sailstorfer noch mangels Geld und Galerie in der freien Natur ausstellte. Damals wie heute kehrt er die Verhältnisse um, haucht seelenlosen Dingen Leben ein und verbindet die Kunst auf bildgewaltige Weise mit dem Alltag.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Harry Schnittger

Michael Sailstorfer Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 28.4.–8.10.

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