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„Michael Schmidt: Lebensmittel“ im Martin-Gropius-Bau,

Paprika_c_MichaelSchmidtWas schwimmt denn da? Zwei Eidotter im Glas. Die Fotografie sieht harmlos aus und dokumentiert doch, wie wenig dieses Lebensmittel noch mit dem Huhn verbindet. Sind diese Eidotter noch natürlich oder bereits mutiert? Schon lange nicht mehr scheint das, was auf dem Teller landet und dann im Magen, aus der Natur zu stammen. Essen ist denaturiert, industriell produziert, gefertigt in Brotfabriken, Lachsfarmen, Milchviehbetrieben, Apfelplantagen. Am Ende der Einmischung durch den Menschen sieht es hoch ästhetisch aus, wie ein grasgrüner Granny Smith, von dem man Sorge hat, er könnte aus Plastik sein. Wir nehmen die Kunstprodukte täglich zu uns und halten sie dennoch für gesund. Da muss erst einer kommen und uns mit seiner Serie „Lebensmittel“ die Augen öffnen – für deren unheimliche Ästhetik und unseren zweischneidigen Appetit darauf. Nicht im Sinne einer Anklage, aber mit Befremden, quasi in stiller Trauer über eigentlich Inakzeptables. Natürlich wollen alle satt werden, aber das Geschäft mit der Nahrung ist profit­orientiert. So gibt es Auswüchse etwa in Niedersachsen, wo mehr Kühe und Federvieh leben als Einwohner.

Hackfleisch_c_MichaelSchmidtAber um Orte geht es Michael Schmidt nicht, sondern um Inhalt: um vergewaltigte Natur. Der Gesellschaftskritiker und „Daseinsmaler in Grau“, wie eine Zeitung den Berliner nannte, hat in 26 Reisen quer durch Europa hinter die Kulissen von Produktfertigung und Konfektionierung geblickt. Den Fabriken Anonymität zugesichert. Er, der zu den einflussreichsten Essayisten in der Fotografie zählt, setzt nun erstmals auf Farbe und dabei nicht auf Horrorbilder, sondern auf atmosphärische Verdichtung und Langzeitwirkung.

Der 67-Jährige, der sich ab Mitte der 70er-Jahre einen Namen mit menschenleeren Stadtansichten West-Berlins und der Gründung der Werkstatt für Fotografie an der VHS Kreuzberg machte, arbeitet stets in Serien. Sie entstehen über mehrere Jahre und entfalten als Ganzes subtile Kraft. Der jüngste Zyklus, seit 2006 in den Fischfarmen Norwegens, der Apfel verarbeitenden Industrie Italiens oder deutschen Großbäckereien aufgenommen, offenbart eine an Verstörung grenzende Fremdheit der Welt. Die Fotos, die im zweiten Obergeschoss des Martin-Gropius-Baus gezeigt werden, belegen im Gegensatz zu manch älteren Schwarz-Weiß-Serien des Künstlers keine Haltung von Wut oder Aufruhr. Die Aufnahmen aneinander gereihter Schweinekörper, grüner Äpfel, glänzender Avocados wirken still und nachhaltig. Wiederholungen, Akzentuierungen sowie vielfältige Bezüge zwischen den einzelnen Fotos verwandeln Informationen für den Betrachter in Impulse und entziehen der scheinbar übergroßen Sachlichkeit den Boden.

Kuh_c_MichaelSchmidt„Zwei Bilder treten in eine Kombination oder Argumentation und daraus ergibt sich ein drittes Bild, sodass, wenn du viele Bilder siehst, irgendwann ein anderes Bild in dir entsteht als jenes, das du objektiv wahrnimmst“, sagt Schmidt. Der Künstler, der die Sichtweise eines Realisten mit dem dokumentarischen Eifer eines Soziologen verbindet, weiß nur zu gut, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Die Klarheit, Präzision und Härte der Einzelbilder wird zur Fotoprosa, die die Vorstellungskraft anregt. Bevor er 2006 begann, ganz Europa zu bereisen, um der Produktion, Verarbeitung und Präsentation von Lebensmitteln auf den Grund zu gehen, fand der Fotograf, der die Kamera wie ein Seziermesser einsetzt, seine Motive nicht in der Ferne, sondern 20 Jahre lang an der Spree.

Mit menschenleeren Aufnahmen von Kreuzberg, Wedding oder Neukölln wurde er ab 1974 bekannt. Wichtige Zyklen des ausgebildeten Polizisten, der im Alter von 20 Jahren als Autodidakt zu fotografieren begann, waren die Serien „Waffenruhe“, mit der er 1988 zu den ersten deutschen Fotografen zählte, die eine Einzelausstellung im MoMA erhielten, „EIN-HEIT“ (1991–94), seine Tiefenbohrung im Bildgedächtnis beider deutscher Staaten, „Frauen“, 2010 zur Berlin Biennale zu sehen, und „Irgendwo“ (2001–4). Für Letztere bereiste Michael Schmidt im Wohnwagen die deutsche Provinz, um Unorte fern des „Heimat“-Begriffs zu erforschen. Auch beim Blick in die Brotkörbe und Schlachthöfe, auf geschniegelte, oft chemisch präparierte Lebensmittel, geht es um Entfremdung. Empfindet er seine Bilder als traurig? „Sie müssen loslassen, wenn Sie Kunst machen, und das hat mit Leid zu tun. Wir leben in einer Zeit, wo das nicht mehr gesagt wird und die Leute sich nicht mehr trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Da müssen wir wieder hinkommen, sodass wir mit dem Tod umgehen können … Das ist ja furchtbar, das merke ich ja bei mir selber. Wir haben uns entfremdet.“

Fisch_c_MichaelSchmidUm dem entgegenzuwirken, tritt der Künstler immer wieder mit der Kamera an. Legt den Finger auf die Wunde in der Hoffnung, dass es nicht weiter blutet. Zum Vegetarier ist er beim Anblick tätowierter Schweinekörper, glibberiger Eidotter und anderer ominöser Nahrungsmittel übrigens nicht geworden. Vielleicht sind seine Fotos gerade deshalb so stark, weil er nicht die Moralkeule schwingt, sondern das Bewusstsein für die Ambivalenz zwischen Bild und Abbild schärft. Auf der Spur des Vorhandenen schafft er ein Bild von der Wirklichkeit – schön schonungslos und widersprüchlich wie das Leben.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Michael Sxchmidt

Michael Schmidt: Lebensmittel Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Straße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 12.1.–1.4.2013

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