Ausstellungen

„Moderne Zeiten“ in der Neuen Nationalgalerie

LaszloMoholyNagy_KompositionZVIINach der Neuinszenierung der Sammlung im Hamburger Bahnhof setzt Direktor Udo Kittelmann jetzt ein weiteres Zeichen für seinen Willen, die Präsentation der eigenen Bestände wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Nach spektakulären Gastspielen von MoMA und Metropolitan Museum in den letzten Jahren scheint es so, als würde mit der aktuellen Neupräsentation inmitten all der kulturellen Großevents ein institutioneller Anker ausgeworfen. Doch diese Sammlungspräsentation ist mehr als eine Rückbesinnung auf das Museum als Gedächtnis. Mit der zweiteilig an­gelegten Langzeitausstellung, die dem ersten Teil zur Klassischen Moderne ab Herbst 2011 einen zweiten Teil zur Kunst nach 1945 folgen lässt, wollen die Kuratoren Udo Kittelmann, Dieter Scholz, Joachim Jäger und Nina Schepkowski auch den politischen Druck erhöhen. Über die langfristige Arbeit an der Sammlung soll der Blick über die Werke auch auf den Zustand der Architektur­ikone selbst gelenkt werden, die dringend renovierungsbedürftig ist.

Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum bei dieser Schau auch das selten genutzte Foyer im Untergeschoss bespielt wird – mit einer Phalanx aus Mies van der Rohes Barcelona-Sesseln auf dem Originalteppich aus dem Eröffnungsjahr des Baus 1968. Die Zeichen stehen auf Selbstreflexion, das wird auch am Konzept der Schau deutlich. Mit minutiösen Verweisen auf die einzelnen Stationen der Werke auf den ausführlichen Ausstellungsschildern wurde wissenschaftliche Grundlagenarbeit geleistet. Zum fortlaufenden Thema wird so die wechselvolle Geschichte der Nationalgalerie, in der sich zugleich die deutsche Geschichte spiegelt: der Zweite Weltkrieg, die deutsche Teilung, die eine West-Berliner und eine Ost-Berliner Nationalgalerie zur Folge hatte, und nicht zuletzt die Beschlagnahmung, der Verkauf und die Zerstörung Hunderter von Kunstwerken, mit der das NS-Regime unter dem notorischen Schlagwort „Entartete Kunst“ dem Projekt der Moderne in Deutschland einen vernichtenden Schlag versetzte. Davon hat sich auch die Neue Nationalgalerie bis heute nicht erholt, trotz der Rück­erwerbungen, die in der Nachkriegszeit möglich wurden. An die unwiderbringlichen Ver­luste durch die Barbarei im eigenen Land erinnern in der Ausstellung große Schwarz-Weiß-Reproduktionen, die die­se Lücken in der Sammlung bewusst machen. Im Saal zur expressionistischen Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ nehmen die Platzhalter etwa die Hälfte der Wandflächen ein.

Moderne_Zeiten_ErnstLudwigKirchnerZu den Anliegen der Ausstellungskuratoren gehört auch, das Disparate dieser Kunstsammlung eines zerrissenen Jahrhunderts herauszustreichen. Keine Ausstellung aus einem Guss also, sondern ein Wechsel von Themen-, Zeit-, und Künstlerräumen. Auf thesenhafte Zuspitzungen wurde zugunsten einer Einladung an die Betrachter verzichtet, die Klassische Moderne in ihrer ganzen Bandbreite wahrzunehmen. Dazu gehören auch Nebenpositionen oder Kurioses wie das wenig bekannte Porträt „Die Familie des Malers Adalbert Trillhase“ von Otto Dix oder unbekannte Werke des Bildhauers Rudolf Belling, dem ein eigener Raum gewidmet ist. Es ist keine Erschütterung des Kanons, die man hier zu sehen bekommt, aber ein frischer Blick, der mit ungewohnten Gegenüberstellungen und Stimmungswecheln arbeitet: „Die Verwirrung der Besucher ist durchaus gewünscht“, so Joachim Jäger, der die Schau eine „Bricolage“ nennt. Am plakativsten wird dies im Porträt-Saal umgesetzt, der die Betrachter mit einer dicht gehängten Collage der unterschiedlichsten Bildnisse konfrontiert.
Der erste monografische Raum zu Ludwig Kirchner zeigt mit dem „Potsdamer Platz“ (1914) nicht nur ein Hauptwerk der Sammlung, sondern führt mit der Großstadt auch ein bestimmendes Motiv der Moderne in den Parcours ein, flankiert von Walter Ruttmanns epochalem Film „Sinfonie der Großstadt“, der im Nebenkabinett zu sehen ist. Das Großstadthema bleibt in den Dada-Werken und bei den kritischen Realisten Otto Dix und George Grosz präsent. Ebenso in einem der furiosesten Räume der Ausstellung, der das Ringen zwischen Figuration und Abstraktion im Kontrast zweier konstruktivistischer Werke zeigt. Während die „Komposition ZVIII“ (1924) des Bauhaus-Lehrers Lбzlу Moholy-Nagy rein geometrisch-abstrakt ist, bringt Os­kar Nerlinger in „Stadtbahn von Berlin“ (1930) auch ge­genständliche Elemente in seine Thematisierung von Großstadtleben, Technik und Verkehr ein. Die Technikeuphorie der Epoche wird im selben Raum durch den Dialog zwischen einem der kubistischen Eiffelturm-Bilder von Robert Delaunay und dem wunderbaren „Vogel“ (1919) von Constantin Brancusi hervorgetrieben.

In dem lichten, großen Saal, der sich zum Skulpturengarten hin öffnet, wird mit dem deutschen Expressionismus und den „Brü­cke“-Künstlern die große Stärke der Sammlung eindrucksvoll gefeiert, in Landschaftsbildern von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff u.a. Am anderen Ende des Stimmungsspektrums ist der Beckmann-Saal angesiedelt, der weitere Hauptwerke der Sammlung zeigt, am tragischen Lebenslauf Max Beck­manns aber auch beispielhaft das Thema Exil behandelt. Immer wieder wird man als Besucher daran erinnert, dass man es hier mit dem furchtbarsten aller Jahrhunderte zu tun hat. Der erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit ist in den Bildern von Grosz und Dix präsent, ebenso in einem der apokalyptischen Traumbilder von Franz Radziwill. Am Ende verdunkelt sich der Parcours vollständig. Im letzten Abschnitt zu Faschis­mus und Zweitem Weltkrieg bleiben die kargen, expressiven Figuren, die Masken, Rufer und Trommler aus den Gemälden Karl Hofers am längsten im Gedächtnis. Seine metaphorischen Prophezeiungen aus den 1930er und 40er Jahren wurden am Ende von der Wirklichkeit überrollt.
Die Ausstellung entlässt ihre Besucher mit Horst Strempels „Nacht über Deutschland“. Das Entsetzen des aus der Emigration heimgekehrten Künstlers über die jüngste deutsche Vergangenheit suchte sich unmittelbar nach Kriegs­ende mit diesem Triptychon eine sakrale Form, mit der Strempel der Opfer der faschistischen Gewaltherrschaft gedachte.

Text: Jutta v. Zitzewitz
Fotos: Jens Ziehe/VG_Bild-Kunst_Bonn_2010, Jörg-P.-Anders/Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Moderne Zeiten. Die Sammlung 1900–1945
Neuen Nationalgalerie (Adresse und Öffnungszeiten), ab 12.3.2010

 

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„Macht zeigen“ im Deutschen Historischen Museum (bis 13.6.2010)

Die andere Avantgarde: Mathilde Vollmoeller u.a. Künstlerinnen zur Jahrhundertwende

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