Ausstellungen

Mona Hatoum in der Akademie der Künste

Hatoum_UndercurrentBrixton, ein Arbeiterviertel am Rande Londons, 1985. Eine junge Frau mit kurzem schwarzen Haar, in schwarzem Overall, schleift barfuß ein Paar Doc Martens Stiefel hinter sich her, die sie mit den Schnürsenkeln an ihre Knöchel gebunden hat. Von den schweren Schuhen beim Laufen behindert, wirken ihre nackten Füße auf dem Stadtpflaster noch verletzlicher. Passanten blicken irritiert, verständnislos, zwei Männer feixen. Im Hintergrund immer das Schleifgeräusch der Kampfstiefel. Mit „Roadworks„, eine der zahlreichen Performances, die Mona Hatoum in den 1970ern und 1980ern durchgeführt hatte, wandte sich die Künstlerin mit ihrer engagierten Kunst nicht mehr nur an die typischen Galerien- und Museumsbesucher, sondern ging direkt auf die Straße. Das Video dieser frühen Performance der diesjährigen Gewinnerin des Käthe-Kollwitz-Preises der Akademie der Künste gehört zu den ausgewählten Arbeiten in den Ausstellungsräumen am Pariser Platz.

Wer das Schaffen Hatoums aus dieser frühen Zeit kennt, weiß, dass sie oft mit weit mehr Körpereinsatz gearbeitet hat. Sie versuchte sich stundenlang aus einer mit Schlamm gefüllten Glaskabine zu befreien („Under Siege“, 1982), lag in einen transparenten Leichensack gehüllt, mit Gaze umwickeltem Gesicht und bedeckt mit Eingeweiden mehrere Stunden bewegungslos auf einem Tisch („The Negotiating Table“, 1983) oder wischte, ganz in Schwarz gehüllt, mit einem in roter Farbe getränkten Schwamm eine dreißig Meter lange Terrasse. Die 1952 als Tochter palästinischer Eltern in Beirut geborene Künstlerin hielt sich 1975 in London, kurz bevor im Libanon der Bürgerkrieg ausbrach. Sie konnte nicht mehr zurückkehren.

Eine Zeitlang beschäftigte sich Hatoum in ihrem neuen Domizil intensiv mit den traumatischen Erfahrungen ihres Herkunftslandes und ihrer Familie.  Die Vermittlung an das Publikum durch stellvertretendes Leiden der Künstlerin wurde bald durch die Darstellung mit metaphorischen Bildern ersetzt. Das medial überwachte und gelenkte Individuum, das Fremdsein des Menschen in seiner ursprünglichen Umgebung, nicht mehr konkrete politische Geschehnisse wurden in den Arbeiten Hatoums thematisiert. Videoperformance und später Objekte und Installationen wechselten das Medium Performance ab.
Spätestens seit ihrem Auftritt bei der Documenta 11 mit der Arbeit „Homebound“, einer unter Strom gesetzten Stube, ist Mona Hatoum auch in Deutschland ein Begriff.

In Museen und Galerien in Paris, New York, Rom, London Mexico City, Yukatan, Havanna, Beirut, fast überall auf der Welt wurden ihre Arbeiten bereits präsentiert. Immer wieder taucht im Werk der ständig zwischen den verschiedenen Ausstellungsorten, ihrem Wohnsitz in London und, seit ihrem DAAD-Aufenthalt 2003 auch in Berlin umherpendelnden Künstlerin der Heimatbegriff mit den damit verbundenen Befindlichkeiten  und der Verletzlichkeit des institutionellen Mächten ausgesetzten Individuums auf. Vor allem die vermeintliche Sicherheit in unserer vertrauten Umgebung und der täglichen Routine thematisiert die Künstlerin in ihren Installationen auf oft humorvolle, wenn auch makabre Weise. „Ich möchte auf physische oder psychologische Art verstören“, erklärt Hatoum, „sodass man seine Erwartung an diese Dinge hinterfragt oder das, was man innerhalb dieser Strukturen als selbstverständlich ansieht.“

Mona_Hatoum

Eine Küchenreibe als Liege („Daybed“) oder Reibeutensilien als durchlöcherter Paravent („Paravent“), mit Nadeln gespickte Teppiche, Gehstützen aus Weichgummi, ein Rollstuhl mit messerscharfen Griffen, ein Kinderbett mit scharfen Drahtseilen anstelle eines Lattenrostes, immer wieder zeigt Hatoum mit ihren skurrilen Verfremdungen von Alltagsgegenständen die Trüglichkeit unseres Sicherheitsgefühls. Technisch ausgefeilt und ästhetisch ansprechend ziehen uns ihre Objekte und Installationen in den Bann, um uns dann zu schockieren, wenn wir die dahinter steckende Bedrohung erfassen.
Im ersten Ausstellungsraum steht neben „Paravent“ und „Daybed“ die Videoinstallation „Deep Throat“ von 1996, ein für eine Person gedeckter Tisch mit weißer Tischdecke, Teller, Besteck und Glas. Davor ein leerer Stuhl. Der weiße Teller dient als Projektionsfläche für eine endoskopische Reise vom Schlund in den Magen, der sich die Künstlerin unterzogen hatte. In stummen Bildern verfolgt die Kamera den Weg vom Rachenraum hinunter und zurück. Diesen  medizinischen Aufnahmen den Titel eines Pornoklassikers der 1970er Jahre zu geben, lässt einige Assoziationen zu. Die saubere Häuslichkeit der weißen Tischdecke und des glänzenden Bestecks wird durch die auf den weißen Teller projizierten endoskopischen Aufnahmen des vergrößerten fleischigen Schlunds in den „Abgrund“ des Körperlichen gezogen. 

In der Ecke desselben Ausstellungsraumes hängen wie als Fortsetzung der elektrifizierten Stube („Homebound“, 2000)  Küchenutensilien, durch die der Strom zischt, der am Ende der Kette eine Glühbirne zum Leuchten bringt. Auf der anderen Seite, auf einer Cartier-Büste, thront das „Hair Necklace“, ein filigranes Schmuckstück aus ineinander verflochtenen Haaren, die Hatoum über einen längeren Zeitraum gesammelt hatte. Das abgefallene Haar verbindet die Künstlerin mit dem Bewusstsein von Verlust. Es symbolisiert Erinnerung, Zeitlosigkeit wie auch Fragilität. Als Gegenstück dazu liegt im Nebenraum eine überdimensionale Gebetskette aus Weichstahl („Worry Beads“, 2009), dessen große schwere Glieder nichts Fragiles oder Stilles, sondern etwas sehr Aggressives, Kriegerisches ausstrahlen. Immer wieder erinnert uns Mona Hatoum mit ihren Objekten und Installationen an das nur Scheinbare und unsere ständige Verletzlichkeit.


Text: Constanze Suhr
Fotos: Joerg von Bruchhausen/Galerie Max Hetzler Berlin, Agostino Osio-Fondazione Querini Stampalia Venezia/Mona Hatoum, Oliver Wolff

Mona Hatoum
in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte,
Di-So 11-20 Uhr, bis 5.9.2010

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