Installation

„moving is in every direction“ im Hamburger Bahnhof

Kunst ist keine Erlösung: Im Hamburger Bahnhof führt „moving is in every direction“ durch die Geschichte der Installation

Wolf Vostell: ELEKTRONISCHER dé-coll/age HAPPENING RAUM E. d. H. R., 1968 – 1982. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. 1983 erworben durch das Land Berlin | Foto: © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB, Eigentum des Landes Berlin / Thomas Bruns und VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Auch Museumskuratoren haben ab und zu  das Bedürfnis, die Bestände neu zu ordnen. Im Hamburger Bahnhof, der 2003 durch die Friedrich Christian Flick Sammlung bedeutenden Zuwachs erhielt, hat man sich jetzt die schweren Brocken vorgenommen und ermöglicht zwischen den „Richtkräften einer neuen Gesellschaft“ von Joseph Beuys und Bruce Naumans Erfahrungsraum über die letzten Dinge einen frischen Blick auf die Historie der Installationskunst.
Kuratorin Anna-Catharina Gebbers und Gabriele Knapstein, Leiterin des Hamburger Bahnhofs, zeigen rund 30 Räume, die dem fantasiebegabten Besucher etwas erzählen wollen. Und können. Flexibilität ist gefragt, denn die Narration verläuft nicht linear oder chronologisch. „Moving is in every direction“ gibt einen mäandernden Überblick über die 1958 vom Pionier des Happenings Allan Kaprow eingeführten „Environments“ und führt über Dan Flavins „Situations“ bis zu neueren Video- und Sound-Installationen.

Jeder Raum ist für eine Überraschung gut. Man kann auf dem langen Weg vom Westflügel bis ans Ende der Rieckhallen nach inhaltlichen Verknüpfungen der oft medienübergreifenden Arbeiten suchen, alte Bekannte treffen, etwa den Konzeptkünstler Marcel Broodthaers mit seinem Palmengarten (Abb.), und Aktuelles wie den Film „Mandys Piano Solo in Columbine Cafeteria“ der 26-jährigen Texanerin Bunny Rogers entdecken.

Rogers Arbeit gehört zu einem Werkzyklus, der um das kollektive Trauma von Littleton, Colorado, kreist. An der Columbine-Schule richteten 1999 zwei von Ego-Shooter-Spielen und Militäreinsätzen besessene Schüler ein Massaker an. Die jüngste Künstlergeneration ist häufig kritisch unterwegs, thematisiert Krieg und Gewalt oder eröffnet utopische Entwürfe des Zusammenlebens. Wobei die Verbindung des physischen und des virtuellen Raumes – dank fortgeschrittener technischer Möglichkeiten – eine wichtige Rolle spielt.

„Für uns ging es darum, in den Recherchen für die Ausstellung auch die Terminologien zu klären, wie sie sich seit den 1960er-­Jahren entwickelt haben“, erläutert Gabriele Knapstein die Auswahl der komplexen Environments, skulpturalen Anordnungen und konzeptuellen Räume. Für die neueren Beiträge dürfte der Fachwortschatz noch nicht festgelegt sein. Der Brite Christopher Kulendran Thomas etwa, der bei der 9. Berlin Biennale auffiel, präsentiert eine langfristig angelegte, wachsende Installation. In „New Eelam“, die Kunst und Technologie-Startup vereint, finden auch Veranstaltungen statt. Es ist ein kollaboratives Projekt über neue Formen des Wohnens und Arbeitens.

Gern wird die Thematik des Raumes von den Jüngeren mit der Frage verbunden, wie wir leben wollen? Wohl nicht so, wie Gregor Schneider es in seinem „Haus u r“ zur Ansicht bringt. Das „Schlafzimmer“ daraus ist Teil der Schau (jedoch nicht immer begehbar).

Am Ende des 3.500-Quadratmeter-Parcours zieht Nauman in den Bann. In den Rieckhallen dauerhaft installiert, ist die Begegnung mit seinem „Room With My Soul Left Out, Room That Does Not Care“ (1984/2010) doch immer wieder ein Erlebnis. Sein Grab-Raum demonstriert eindrucksvoll: Erlösung ist nirgends, nicht einmal in der Kunst.

moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 17.3.–17.9.

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