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My Lonely Days are Gone

MyLonelyDaysAreGoneWer hätte es gedacht, aber die alten Probleme der klassischen Moderne behalten ihre Gültigkeit: Wie kann man im offenen Zeichensystem abstrakter Malerei der Willkürlichkeit entgehen und damit auch dem Geniekult des Künstlers? Zehn Arbeiten, ausgewählt von dem in Berlin lebenden Künstler Arturo Herrera, bieten neue Positionen zu diesem alten Problem, mit dem bereits die Väter der abstrakten Malerei wie Kandinsky und Hans Arp gerungen haben.
Wie letzterer mit seinen Objets trouvйs setzen Tim Stapel und Haleh Redjaian auf das Zufallsprinzip. Stapel legt in seiner Fußbodenarbeit lediglich die Farbkombination und Dimensionen seiner Dreiecke fest und sucht sich eine Raumachse. Die durch die Wände des unregelmäßigen Raums entstehenden Beschneidungen und Bündelungen entziehen sich jedoch seiner Kontrolle. Redjaian bestimmt für ihre geometrischen Bleistiftzeichnungen ebenfalls eine Grundform, die sie dann mit zwei Assistenten wiederholt. Je nach Stimmung und Bleistiftstärke verändert sich die Intensität des Auftrags, wodurch die Formen trotz aller Regelmäßigkeit vielfältig erscheinen und zu flimmern anfangen. Gerhard Mayer hingegen erzeugt in seinen Ellipsenzeichnungen mit einer einzigen Schablone und gleichmäßigen, kurzen schwarzen Pinselstrichen einen dynamischen, raumausgreifenden Wirbelwind. Mit den All-over-Strukturen des Abstrakten Expressionismus beschäftigt sich Terry Haggerty, der ähnlich wie Roy Lichtenstein einen isolierten Pinselstrich so aufbläht, dass dieser zu einem abstrakten, ungemein plastischen  Zeichen wird. Andrea Winklers komplexe Arbeit setzt dem noch einen drauf. Durch eine aus der Wand hängende Kette und die sich auf Wand und Decke ausbreitenden Graffittispuren changiert ihre Arbeit zwischen Bild, Objekt und Installation. Die so erzeugte Raumtiefe durchbricht die zweidimensionale ?Opticality, die Clement Greenberg und Michael Fried als oberstes Gesetz der Moderne bezeichnen. Durch diese reflektierte, völlig unironische Herangehensweise offenbart die Ausstellung, dass die historischen Fragen der abstrakten Malerei immer noch relevant sind.    

Text: Benjamin Paul
Foto: Astrid Busch

tip-Bewertung: Herausragend

My lonely days are gone
Galerie ?Arratia, Beer, Mehringdamm 55, Kreuzberg, Mi-Sa 12-18 Uhr, bis 16.10.2010

 

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