Ausstellungen

Nan Goldin: Berlin ehrt eine große Fotografin

Nan Goldin erhält den Käthe-Kollwitz-Preis. Aus guten Gründen. Und die dazugehörige Ausstellung in der Akademie der Künste zeigt nicht nur Goldins berühmte Fotografien queerer Menschen, sondern auch neue Aufnahmen aus Japan und der Pandemiezeit.

Liegende Frauen: „Thora at my vanity“ von Nan Goldin, Brooklyn. Foto: Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery © Nan Goldin

Nan Goldin ist die Künstlerin der Stunde

Sie ist die Künstlerin der Stunde. Nan Goldin, 69, hat schon Fotografien von Queerness geschaffen, als man queere Communitys noch Subkulturen nannte. Sie hat Menschen auf nahbare Weise dargestellt, ohne sie zu glorifizieren. Sie hat sich um die Entstigmatisierung von Aids verdient gemacht. In den vergangenen Jahren ist sie im Kampf gegen die Pharmaindustrie zu einer bekannten Aktivistin geworden: Sie hat die durch massive Werbung geförderte Medikamentenabhängigkeit in den USA auf die Tagesordnung nicht nur des Kulturbetriebs gesetzt.

Der Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ (2022) von Laura Poitras über die Aktionen der Künstlerin gegen die mächtige Pharmafamilie Sackler holte im September bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen. Da verwundert es nicht, dass Nan Goldin auf Ranglisten der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt auf vordere Plätze abonniert ist, so fragwürdig diese Rankings sein mögen. Die Zeitschrift „Monopol“ hält sie gegenwärtig sogar für die wichtigste überhaupt.

Und jetzt feiert Berlin Nan Goldin, die Stadt, die in den 1980er- und 1990er-Jahren neben New York zweite Heimat der Künstlerin war. Die Akademie der Künste verleiht ihr den mit 12.000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis 2022 und richtet ihr im Haus am Hanseatenweg eine Werkschau aus. Und 2024 wird die Neue Nationalgalerie eine große Ausstellung über die Filme und Diashows der Künstlerin übernehmen, die derzeit im Stockholmer Moderna Museet zu sehen ist.

Nan Goldin dokumentierte Subkultur

„Ihr Los war es, mit den Dingen, die sie machte, immer persönlich eng verknüpft zu sein“, sagt der Künstler und Musiker Wolfgang Müller, Mitgründer der Postpunk-Band und Künstlergruppe Die Tödliche Doris, der Nan Goldin in den 1980er-Jahren in Berlin kennenlernte. Bereits mit 14 Jahren hatte Nan Goldin ihr Elternhaus in Boston verlassen. Zuvor hatte ihre Schwester Suizid begangen. Nan Goldin fand Zuflucht in der Bostoner Subkultur. In der Transbar „The Other Side“ machte sie erste Schwarz-Weiß-Bilder, um die Menschen zu würdigen, „für die ein drittes Geschlecht mehr Sinn machte als eines der beiden anderen“, wie sie später sagte. In New York und auch in Berlin suchte sie immer die Orte und die Menschen, die von der Gesellschaft marginalisiert wurden, Schwulenbars, die Drag-Szene, Bordelle. Mit 18 hatte sie begonnen, ihre Freund:innen, die sie dort gefunden hatte, zunächst mit der Super-8- und später mit der Fotokamera aufzunehmen.

„Das machte sie ganz unauffällig“, erinnert sich Wolfgang Müller. „Sie hatte die Fotokamera immer dabei. In der Szene war Fotografieren insgesamt nicht sehr beliebt. Aber Nan war anerkannt, weil ihre Bilder nicht gestellt waren und sehr unmittelbar wirkten. Das gab es sonst nicht.“

Ein weiteres Bild aus der Serie „Thora at my vanity“ von Nan Goldin. Foto: Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery © Nan Goldin

Das Kino hat Nan Goldin geprägt

Weil sie in New York keine Dunkelkammer hatte, machte Nan Goldin von Anfang an Dias, die sie in wechselnden Zusammenstellungen als lange Diashows zeigte. Offenbar wollte sie damit einen Eindruck erzeugen, der an Filme erinnert. Das Kino habe sie geprägt, sagte die Künstlerin, besonders das Starkino aus dem Hollywood der 1940er- und 1950er-Jahre. Doch sie selbst habe keine Fantasie für Geschichten. Deshalb halte sie sich an die realen Menschen und ihre Geschichten.

Serien wie „The Ballad of Sexual Dependency“ und „I’ll be Your Mirror“ wurden weltbekannt. Wie Protagonist:innen eines Filmes tauchen in ihnen immer wieder dieselben Menschen auf – die Freund:innen und Bekannten aus den Subkulturen. Man sieht die Lust an der Selbstinszenierung der Dragqueens, und immer wieder scheint Melancholie durch. Durch die Nacht begleitet die Kamera die Menschen: Sie sind mal euphorisch, mal müde, auch verzweifelt. Nacktaufnahmen, Bilder von leidenschaftlich küssenden Menschen oder beim Sex wirken nicht voyeuristisch, sondern vollkommen beiläufig und immer nah an den Abgebildeten.

Stilisiert ist hier nichts. Manche Aufnahmen sind fast wie ein Filmstill ausgeleuchtet, andere sind schnell und verwackelt und wirken wie Schnappschüsse. Auch sich hat Nan Goldin immer wieder aufgenommen, in guten wie schlechten Zeiten. Schockierend sind ihre Selbstporträts, die sie machte, nachdem sie 1984 in Berlin brutal zusammengeschlagen worden war. Und erst 2011 zeigte das Museum Berlinische Galerie 80 teils noch nie ausgestellte Fotografien, die Goldin in Berlin gemacht hatte. Direktor Thomas Köhler hatte im Depot des Museums ein Selbstporträt der Künstlerin gefunden, dass diese 1991 in ihrem Berliner Badezimmer aufgenommen hatte, und nahm es als Grundstein für die Schau.

Nan Goldin kämpfte gegen ihre Sucht und Pharmaunternehmen

Mit dem Aufkommen von Aids in den 1980er-Jahren finden unausweichlich die Themen Krankheit und Tod in Goldins Bilder. Buchstäblich bis ans Sterbebett begleitet sie einige ihrer Freunde. Auch die Bilder der Sterbenden und der trauernden Freund:innen bleiben immer dezent, respektvoll und zielen niemals auf eine verlogene Emotionalisierung. Sie habe, sagte Nan Goldin einmal, nach einem negativen Aids-Test 1991 jenes schlechte Gewissen bekommen, von dem Überlebende einer Katastrophe oder eines Krieges berichten.

Um 1990 wird ihre Fotografie weltbekannt. Galerien und Fotomuseen reißen sich um diese ungewöhnliche Künstlerin. 1991 erhält sie ein DAAD-Stipendium und kommt für einige Jahre erneut in das nun vereinte Berlin. Fortan gehört sie zum Kanon der zeitgenössischen Fotografie. Wie um die öffentliche Erwartung zu untergraben, stellt Nan Goldin plötzlich Bilder von Wolken und Landschaften aus.

Ende der 2010er-Jahre taucht ihr Name wieder in den Schlagzeilen auf. Nach einer Operation wurde Nan Goldin wie so vielen Menschen in den USA das Schmerzmittel Oxycontin verschrieben, das von dem Pharmaunternehmen Purdue Pharma der Familie Sackler hergestellt und mit aggressiven Vertriebsformen landesweit verbreitet wurde. Dass das Opioid eine enorme Suchtgefahr barg, wurde verschwiegen. Wie hunderttausende andere Menschen geriet Nan Goldin in Abhängigkeit und begann, sich auf illegalem Wege große Dosen zu verschaffen. Anders als geschätzt 850.000 US-Amerikaner:innen überlebte sie.

Nan Goldin, porträtiert von PAIN-Mitstreiterin Megan Kapler. Foto: Megan Kapler

Nan Goldin hat eine Blaupause für Aktivist:innen geschaffen

Nach ihrem Entzug engagiert sich Goldin seit 2018 dafür, Purdue Pharma und die Familie Sackler für die Schäden durch Oxycontin zur Verantwortung zu ziehen. Ihr besonderer Fokus liegt auf den Kunstinstitutionen, die über viele Jahre Spenden von den Sacklers erhalten und im Gegenzug Galerien und ganze Gebäudeteile nach den Mäzenen benannt hatten. Das New Yorker Metropolitan Museum hatte einen „Sackler Wing“, die National Gallery in London ihre „Sackler Gallery“, und in der Serpentine Gallery von London prangte der Name über dem Haupteingang.

Zusammen mit ihrer Initiative PAIN (Prescription Addiction Intervention Now) organisierte Goldin künstlerische Aktionen und Demonstrationen, um die Museumsleitungen zu bewegen, ihre Beziehungen zur Familie Sackler aufzugeben, auch wenn das sie viel Geld kosten sollte. Überall waren die Widerstände groß. Überall schlossen sich aber Künstler:innen, Aktivist:innen und die mediale Öffentlichkeit an, so dass der Druck auf die Museen wuchs. Wie im Schneeballeffekt drohten Künstler:innen mit dem Abzug ihrer Werke aus Ausstellungen und dem Boykott von Museen und Galerien, die den Namen Sackler weitertragen würden. Inzwischen ist er fast überall verschwunden, auch die Spenden der Familie sind eingestellt.

Verdiente Auszeichnung mit Käthe-Kollwitz-Preis

Damit könne man die Opioidkrise nicht lösen, aber man könne wenigstens die Verursacher zur Rechenschaft ziehen, sagte Nan Goldin gegenüber der „New York Times“. Zumindest was die Kunstszene angeht, muss man ihr einen Erfolg auf ganzer Linie einräumen. Zuletzt hat das Londoner Victoria and Albert Museum im Oktober den Namen Sackler gestrichen.

Nan Goldin hat eine Blaupause für Aktivist:innen geschaffen – ein schlaues Spiel mit dem kulturellen Kapital, mit dem das reale Kapital einmal in seine Schranken gewiesen wurde. Mit ihren Arbeiten habe Nan Goldin „Tabus gebrochen, Grenzen überwunden und sich für die Akzeptanz und zunehmenden Anerkennung der LGBT-Szene eingesetzt“. So begründet die Jury des Käthe-Kollwitz-Preis die Vergabe des Preises an Nan Goldin. Wie einflussreich ihre Bilder waren und wie aktuell ihr Engagement bis heute ist – das alles wird sich in der Ausstellung am Hanseatenweg eindrucksvoll nachvollziehen lassen.

Nan Goldins neue Fotos

Zu sehen sind rund 50 Schwarzweiß- und Farbaufnahmen, von Bildern aus den frühen Jahren in der Bostoner Subkultur bis zu neusten Aufnahmen aus der Pandemiezeit. „Unsere Auswahl soll zeigen, dass die damalige Zugehörigkeit zur Szene diese Art der Fotografie für Nan Goldin erst möglich gemacht hat“, sagt Anke Hervol, die die Ausstellung in der Akademie der Künste kuratiert. „Diese respektvolle Darstellung der Menschen, die sie porträtiert, prägt ihre Aufnahmen bis in die jüngste Zeit.“

Zu sehen sind auch Bilder aus der Serie „Tokyo Love“, die Teenager aus Japan zeigen und in Zusammenarbeit mit dem japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki entstanden sind. Dagegen kommen Aufnahmen aus der Serie „Memory Lost“ zum Teil ohne Menschen aus. Die verwischten Aufnahmen von Landschaften oder Pferden lassen an Erinnerungsbilder denken, die unter dem Einfluss der verstreichenden Zeit ihre Schärfe verlieren.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–Fr 14–19 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J., Di + 1. So/ Monat frei, Eröffnung: 19.1., 19 Uhr, Eintritt frei, 20.1.–19.3., online

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