Ausstellungen

Nan Goldins „Berlin Work“ in der Berlinischen Galerie

amanda_oomsDie New Yorker Starfotografin ist mit extrem intimen Porträts ihrer Freunde berühmt geworden. Sie berührt darin die ganz großen Themen: Liebe, Sex, Krankheit, Gewalt, Einsamkeit, Tod. Nun zeigt Nan Goldin in der Berlinischen Galerie eine Nahaufnahme ihres Freundeskreises: „Berlin Work“. Wir haben einige ihrer Freunde gebeten, uns zu sagen, wie diese Fotos entstanden sind. Eine Liebeserklärung – an Nan.

Amanda OomsAmanda … tauchte 1986 ins Licht von Nan Goldin
Wenn ich mir das Bild angucke, kann ich mich nicht daran erinnern, welches Badezimmer es war. Aber ich erkenne die Make-up-Box wieder. Sie erinnert mich an eine Zeit, als ich sie ziemlich häufig benutzte. Wir trugen ziemlich viel Make-up, auch Nan, und wir haben viel Zeit damit verbracht, uns schön zu machen. In meiner Erinnerung ist es so, als hätten wir nie geschlafen, sondern wären immer wach gewesen. Aber es wird ein anderes Foto in der Ausstellung sein, an das ich sehr deutliche Erinnerungen habe, das, auf dem ich nackt auf dem Bett liege. Ich hatte mich gerade von meiner großen Jugendliebe getrennt und nahm den Nachtzug von Kopenhagen nach Berlin, und Nan hat sich sehr um mich gekümmert. Ich war so klein und dünn und traurig und habe ziemlich lange bei ihr gewohnt.

Als Nan das DAAD-Stipendium hatte, war ich sehr oft bei ihr. Wir sind nicht durch die Clubs gezogen oder so, aber wir hatten viel Besuch. Zu Nan kamen immer unglaublich viele Menschen von überall her, und ich habe unheimlich viele Abendessen gekocht. Oft lagen hunderte von Fotos auf dem Boden und sie hat permanent Bilder hinzugefügt. Ich war sehr beeindruckt davon, wie gut sie darin war, ihre Arbeit zu organisieren, und wie schlecht darin, auf sich selber aufzupassen. Ich hatte Nan kurz vor der Veröffentlichung ihres Buches „The Ballad of Sexual Dependency“ 1986 kennengelernt. Freunde von mir hatten sie eingeladen, eine Diashow in Stockholm zu zeigen. Sie wohnte bei meinem Freund Hatte Stiwenius, der schon verstorben ist, und nach ein paar Tagen rief er mich an und fragte: Amanda, kann ich zu dir ziehen? Das Zusammenleben mit Nan ist intensiv, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Seit damals sind Nan und ich Freunde. Um solche Bilder machen zu können, muss man Nans Persönlichkeit haben. Es ist unmöglich, sich nicht in die Idee zu verlieben, dass sie eine Situation sieht. Man wird durch ihre Präsenz verführt. Deshalb ist sie so brillant darin, Bilder von Menschen in realen Situationen zu machen. Sie arrangiert die Situation nicht, sie macht die Situation möglich.

Ich denke, ihre Bilder sind wie moderne Rembrandts. Sie haben dieses Licht, und wir werden von ihnen angezogen, weil sie etwas in unserem Unbewussten berühren. Gefühle, die wir brauchen. Und Schönheit. Deshalb werden wir in die Bilder hineingezogen. Man kann nicht an Nans Fotos vorbeigehen, ohne sie nochmal anzusehen. Es ist, als würden sie deinen Namen rufen.

Amada Ooms ist eine bekannte schwedische Schauspielerin. Sie lebt heute in Stockholm und im tiefen Wald von Värmland und war in den 90ern mehrere Jahre in Berlin, zu Dreharbeiten und weil ihr Freund Blixa Bargeld hier lebte.

Piotr_nathanPiotr Nathan  … ist ein sehr enger Freund
Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie ich Nan Goldin kennengelernt habe. Das war 1992 bei der Eröffnung einer Gruppenausstellung, an der wir beide teilnahmen, in der Galerie Wewerka und Weiss in Berlin. Eine sehr emotionelle Begegnung. Ich wusste nicht so wahnsinnig viel von ihr, sie auch nicht über mich, aber es war irgendwie Liebe auf den ersten Blick. Seitdem sind wir befreundet. Das Foto „Piotr at Breakfast“ ist in meiner damaligen kleinen Wohnung entstanden, in der Goltzstraße in Schöneberg. Nan kam wegen einer Edition nach Berlin und hat bei mir gewohnt. Die Blumen, die man sieht, sind die, die ich ihr überreicht habe, als ich sie vom Flughafen abholte. Es ist ein sehr schönes Foto, sehr sehr melancholisch. Es hat mir so gut gefallen, dass ich es sogar damals als Motiv für die Einladungskarte einer Ausstellung von mir verwendet habe. Nan war zu der Zeit, als das Foto entstand, sehr klar und sehr diszipliniert, und insofern war das eine ganz tolle Zeit, weil die Schwankungen, die sie immer erlebt, damals nicht besonders ausgeprägt waren. Das war eine Zeit, als viele Freunde von uns an Aids starben, aber es gab, glaube ich, schon den Durchbruch bei den Aids-Medikamenten. Insofern war das eine Zeit der Trauer aber auch eine Zeit der Hoffnung.

Nans Bilder zeigen bestimmte psychische Zustände. Wenn sie mit jemandem befreundet ist, dann ist sie ganz präzise und beobachtet sehr intensiv. Sie findet diese Momente in einem, die sie selber auch stark verspürt, sie findet eine Verbindung. Viele ihrer Bilder sind Projektionen ihrer Zustände auf die Gesichter der anderen, es sind auch Selbstporträts, obwohl sie andere Menschen zeigen. Für mich war der Gedanke, dass ich durch die Fotos Teil eines Werks werde, das öffentlich gezeigt wird, nie problematisch. Ich bewundere ihre Arbeit. Das ist eine Entscheidung, die man trifft. Man lässt sich darauf ein, und wenn man sich darauf eingelassen hat, dann will man auf diese Art ein Teil ihrer Arbeit sein. Und dann ist es schwierig zu sagen, das ist zu privat, und das ist nicht zu privat. Es gibt Bilder, die ich mehr mag, und Bilder, die ich weniger mag. Wenn sie Bilder aussucht für die Veröffentlichung, sprechen wir darüber, welche meine Favoriten sind. Ich vertraue ihr. Auf den Fotos sind Freunde von ihr, da geht man als Freunde miteinander um. Wenn sie jetzt die Bilder in ihrem Archiv aus Berlin sichtet, ist sie heiter und man merkt, dass es ihr gut geht. Die Ausstellung „Berlin Work“ wird zeigen, wie intensiv Nans Beziehung zu Berlin war. Sie freut sich sehr darauf.

Piotr Nathan ist ein bildender Künstler und Professor für Zeichnung und Druckgrafik an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Er lebt seit 1986 in Berlin.

nan_goldinChristine Fenzl … war Nan Goldins feste Assistentin

Das Foto ist auf einer Zugfahrt zwischen Berlin und Salzburg entstanden, Nan hat an der Sommerakademie in Salzburg unterrichtet. Wir sind mit dem Zug durch ein Wahnsinnsgewitter gefahren, deswegen habe ich aus dem Fenster geguckt. Ich war damals die feste Assistentin von Nan, von 1992 bis 1994. Vorher hatte ich in New York gelebt, und eine Freundin aus New York hatte mir erzählt, Nan Goldin sei in Berlin. Ich kannte ein paar Arbeiten von Nan, unter anderem das Buch „Cookie Portfolio„. Nan hat ihre Freundin Cookie, die mit Aids lebte, über Jahre begleitet, bis in den Tod. Das war eine Arbeit, die mich tief beeindruckt hat. Ich habe Nan, ein bisschen naiv, einen Brief geschrieben, dass ich bei ihr assistieren möchte. Wochen später kam ihr Anruf. Wir haben uns zum Frühstück getroffen, uns über unsere Vorstellungen unterhalten, und sie hat mir dann gleich die Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben und ich habe sofort angefangen. Ich hatte mein Portfolio dabei, aber das wollte sie nicht sehen, sie hat nur der menschliche Eindruck interessiert. Ich war dann Übersetzerin, Sekretärin, habe Filme ins Labor gebracht, mit ihr ihre Fotos editiert und für Veröffentlichungen ausgesucht. Sie hat in der Zeit drei Bücher gemacht, dazu Ausstellungen und Slide-Shows, das musste alles organisiert werden. Wir waren eng befreundet, haben viel Zeit miteinander verbracht. Nan ist sehr humorvoll. Später sind wir für ihre Projekte viel zusammen gereist und haben uns meist ein Zimmer geteilt, da oft für mich kein extra Budget da war und Nan wollte, dass ich mit dabei bin.

Im letzten Jahr hat Nan eine Ausstellung beim Fotofestival in Arles kuratiert. Dazu hat sie nur Fotografen eingeladen, deren Arbeiten sie sehr schätzt, und auch mich gefragt, was mir sehr viel bedeutet. Wir hatten uns lange nicht gesehen, und dann kam sie im Februar 2009 nach Berlin, damit wir gemeinsam meine Fotos für die Ausstellung aussuchen. Was ich daran so toll fand war, dass wir das, was wir früher immer mit ihren Dias gemacht hatten, diese „Yes“-, „No“- und „Maybe“-Stapel, diesmal mit meinen Fotos machten. Sie ist eine Meisterin im Aussuchen. Weil sie so viel fotografiert, kommt es wirklich darauf an, dass man hinterher genau das Bild erkennen kann, das eine starke Übertragungsmöglichkeit hat. Von Nan habe ich viel gelernt. Ich glaube, dass ich in der Zeit mit ihr erst richtig verstanden habe, was ich will und was Fotografie eigentlich bedeuten kann: eine Haltung gegenüber der künstlerischen Tätigkeit und vor allem gegenüber den Menschen, die man fotografiert. Dass man eine Verantwortung trägt. Ihre Arbeiten sind sehr bekannt, und sie haben in vielen sehr viel ausgelöst. Nan beschäftigt sich mit den ganz großen Themen: allein sein, zusammen sein, zusammen sterben, alleine sterben. Die Menschen sitzen in ihren Slide-Shows und weinen. Das habe ich sonst noch nie erlebt.
 
Christine Fenzl arbeitet als Fotografin in Berlin und lebt von ihren Auftragsarbeiten, vor allem Schauspielerporträts, und von ihren freien Projekten.
Eine Porträtserie aus Moskau ist aktuell in der Gruppenausstellung „Welten“ zu sehen,  10.-19. November in der Forum Factory, Besselstraße 13-14 in Kreuzberg, Mo-Sa 10-18 Uhr; www.christinefenzl.de

Protokolle: Stefanie Dörre

Fotos: Nan Goldin

1 | 2 | 3 | weiter

Mehr über Cookies erfahren