Ausstellungen

Nan Goldins „Berlin Work“ Teil drei

nan_goldinJoachim Sartorius … hat Nan Goldin mit dem DAAD nach Berlin geholt

Dieses Foto von mir hat Nan Goldin um 5.20 Uhr in dem Bordell Bel Ami aufgenommen, ich erinnere mich ganz präzise. Es hat eine witzige Vorgeschichte. Ich war mit Helmut Newton sehr befreundet, und er rief mich eines Tages an und sagte: „Hör mal, ich habe gerade in deiner Liste gelesen, dass Nan Goldin DAAD-Gast in Berlin ist, und würde sie sehr gerne kennenlernen“. Dann haben wir uns einen Abend später getroffen in einer Kneipe in Charlottenburg, er wohnte ja immer im Savoy, und es gab ein sehr munteres schönes Gespräch, in dem Newton vor allem von seiner Kindheit in Berlin erzählte. Er sprach über seine Mutter, die Seidenstoffe, die sie trug, ihre Parfums, aber auch über die Olympischen Spiele 1936, wo er 30 Meter hinter Hitler gesessen hatte. Viele Storys, und dann sagte er um Mitternacht: Jetzt würde ich euch gerne noch mein Lieblingsbordell zeigen. Wir sind dann in dieses Bel Ami gefahren, und dort hat Nan sehr viel fotografiert: Helmut, mich und die jungen Damen.

Ich war damals Leiter des DAAD und hatte Nan Goldin nach Berlin geholt. Ich kannte ihr Werk und mochte es sehr, und ich dachte, dass sie eine Künstlerin ist, die Antennen für Berlin mitbringt. Das hat sich als richtig herausgestellt. Sie hat sich in Berlin verliebt, und wir haben ihr Stipendium noch einmal für sechs Monate verlängert, weil sie Berlin so toll fand. Sie war insgesamt 18 Monate hier, in den Jahren 1991 und 1992, und kam später oft zurück. Ich habe vor langer Zeit ein Interview mit ihr geführt, das ich jetzt durch einen Zufall wieder entdeckt habe. Darin fragte ich sie, was Berlin für sie bedeutet, und sie antwortet: „First of all I think Berlin completely changed me. Being there on a DAAD completely changed my notion of my­self as an artist and my position as an artist.“

Nan Goldin war, als sie mit dem DAAD nach Berlin kam, eigentlich schon sehr gut vernetzt. Sie hat über viele Jahre eine sehr intensive Beziehung zu Berlin gehabt. Zum ersten Mal war sie, glaube ich, 1982 hier auf Einladung des  leider an Aids gestorbenen Alf Bold, der beim Arsenal arbeitete. Sie hatte ganz spezielle Interessen, die sich stark auf die Berliner Subkultur bezogen, und ist, was ich völlig o.k. finde, ihre eigenen Wege gegangen. Ich denke, diese  Zeit war für sie sehr wichtig, im Sinne von Arbeit, aber auch von einer dann einsetzenden noch größeren Anerkennung als Künstlerin. Wir waren in dieser Berliner Zeit wirklich sehr befreundet, haben uns sehr oft gesehen, vieles gemeinsam unternommen. Es gibt ein Buch, das wir beide gemeinsam gemacht haben. Ich war oft in ihrer DAAD-Wohnung. Sie hatte immer auf dem Boden Dutzende und Dutzende von Fotos ausgebreitet, und dann haben wir irgendwann festgestellt, ja es gibt auch Fotos, die nicht mit Menschen, mit Liebespaaren, mit Kranken zu tun haben, sondern die einfach Fotos von leeren Räumen sind, und dann haben wir beschlossen, wir machen ein Buch über empty rooms mit ihren Fotos und meinen Gedichten. So entstand „Vakat“. Nans Aufenthalt gipfelte in einer Ausstellung in der alten DAAD-Galerie im Cafй Einstein, „The Other Side“, die ein riesiger Erfolg war. Was ich aus dieser Zeit aufgehoben habe, ist unter anderem ihr Berlinale-Ausweis. Sie war von den Berliner Filmfestspielen eingeladen, eine Slide-Show zu zeigen, und hat ihn mir geschenkt. Darauf ist ein tolles Foto von ihr, ein New Yorker Vamp.

Joachim Sartorius war von 1986 bis 1994 Leiter des Künstlerprogramms des Deutschen Aka­demischen Austauschdienstes (DAAD), seit 2001 ist er Intendant der Berliner Festspiele. Außerdem ist er als Lyriker und Übersetzer
hervorgetreten.

Die Ausstellung
Nan Goldins Berlin-Bilder, darunter viele bisher unveröffentlichte Werke, sind unter dem Titel „Berlin Work. Fotografien 1984-2009“ vom 20.11.2010 bis 28.3.2011 in der Berlinischen Galerie zu sehen, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, www.berlinischegalerie.de

 

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