Ausstellungen

Nan Goldins „Berlin Work“ Teil zwei

Goldin-Bea-Wolfgang Müller … lernte Nan Goldin Anfang der 80er-Jahre kennen

New York und West-Berlin hatten Anfang der 80er große Ähnlichkeiten, es gab eine spannende subkulturelle proto-queere Szenerie, und Nan war, wie ich, in alternativen Schwulen- und Hausbesetzerkneipen unterwegs. Möglicherweise haben wir uns in der Oranienbar kennengelernt, wo das Foto aufgenommen wurde. Es könnte aber auch sein, dass ich Nan zuerst über das Arsenal kennengelernt habe, wo 1981 der erste S-8-Film der Tödlichen Doris lief. Im Arsenal wurde auch die Slide-Show von Nan gezeigt. Was damals noch Subkultur genannt wurde, wurde durch Alf Bold und das Arsenalkino früh im Herzen der sogenannten Hochkultur präsentiert. Die staatlichen Institutionen und Galerien waren ansonsten meist total ignorant.
Die Oranienbar war ein proto-queerer Ort, wo Geschlechter- und andere Grenzen neu verhandelt wurden. Es war kein Zufall, dass Nan sich dort besonders wohlfühlte. Wenn eine Frau wie Nan einem Mann beiläufig auf das Klo folgen und ihn beim Pinkeln fotografieren kann, dann muss sie Teil der ganzen Situation sein. Die fotografische Geste von Nan zeigt eine Beiläufigkeit, wie ein Knipsen, aber das Bild ist eine Komposition. So entsteht ein Aushandlungsraum. Die Betrachter ihrer Fotos versuchen fast affektiv, die dargestellte Situation zu rekonstruieren, was nicht gelingen kann. Auf dem Foto flüstere ich Florian etwas ins Ohr. Was, weiß ich nicht mehr. Florian Koerner von Gustorf hat zusammen mit meinem Bruder Max später die Band Mutter gegründet, damals nannten sie sich noch Campingsex. Bea, die Frau im Vordergrund, war eine Bekannte von Nan aus den USA, wir hatten eigentlich nichts direkt mit ihr zu tun.

Nan hat viele Fotos von der Tödlichen Doris gemacht, bei unseren Konzerten in Berlin und in New York, aber auch von uns privat. Sie interessierte sich für das Projekt, weil es nicht ein festes Image verkörperte, sondern in der Figur einer imaginären „Doris“ die Frage nach Gestalt und Identität permanent stellte. Nan hat auch einige Zeichnungen und Objekte von mir gekauft. Nan und ich haben dann später zusammen die Ausstellung „Blue Tit“ gemacht. Das kam so: Die Berliner Kripo Abteilung Artenschutz hatte wegen einer von mir verfassten Zeitungssatire gegen mich als den „Kreuzberger Blaumeisenschlächter“ ermittelt. Nan hörte davon und wollte wissen, was da eigentlich los war. Ursprünglich hatte sie vor, die ein- und ausfliegenden Blaumeisen an meinem Nistkasten in der Waldemarstraße zu fotografieren. Sie bekam einen totalen Lachanfall, als ich ihr das Wort Blaumeise übersetzte: „Blue Tit“. Das englische Wort „Tit“ stammt ab vom altisländischen „tittr“ und bedeutet Vögelchen. Unsere gemeinsame Ausstellung fand 1995 in Berlin und 1996 in Kassel statt, mit ihren Fotos von ausgestopften Blaumeisen und meinen Elfensteinen mit eingravierten Meisen.

Wolfgang Müller ist Künstler, Autor und Kurator der Ausstellung „Pause. Valeska Gert“, die bis 6. Februar im Hamburger Bahnhof läuft. Er hatte 1980 mit Nikolaus Utermöhlen die Gruppe Die Tödliche Doris gegründet, zu der 1982 Käthe Kruse kam, und die sich 1987 auflöste.

nan_goldinKäthe Kruse … wohnte mit Nan Goldin im besetzten Haus

Es muss irgendwann Ende 1983 gewesen sein, als ich Nan das erste Mal getroffen habe, hier in Berlin, wo weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall haben wir da besprochen, dass wir sie anrufen, wenn die Tödliche Doris für ein Konzert nach New York kommt. Das Konzert war dann im April, und wir waren viel bei ihr und auch in der Gold Bar, wo Nan gearbeitet hat. Sie wollte im Sommer für zwei Monate nach Berlin kommen, und ich habe ihr gleich angeboten, bei uns im besetzten Haus zu wohnen. Sie kam zusammen mit Kiki Smith, John Heyes und Suzanne Fletcher, die auch sehr häufig auf ihren Bildern zu sehen sind, und die vier haben zusammen in einem Raum gewohnt, den Nan auch fotografiert hat. Es sieht aus, als wäre überall auf der Wand Blut. In dem Raum wohnte vorher eine Frau, die hatte abgetrieben, ihr Freund war völlig fertig und hat die Farbe an die Wand gespritzt. Das war das erste Mal, dass Nan so lange in Berlin war. In den zwei Monaten waren wir Tag und Nacht zusammen. Wir waren ständig aus, jede Nacht im Risiko, Dschungel oder in irgendwelchen Hinterhöfen in der Köpenicker Straße, wo skurrile Partys stattfanden. Oder wir waren hier im Haus in der Manteuffelstraße, hier wohnten ja 40 Leute, kochen, essen, im Hof rumhängen, bei Leuten in Räumen rumsitzen, Drogen nehmen, was man halt so machte. Meistens sind wir eher mittags oder am frühen Nachmittag aufgestanden. Das war ein freies und offenes Leben im Haus. Die Leute waren nackt im Hof, nackt auf dem Dach, damals. Nacktsein war ganz natürlich. Man ging manchmal, wenn der Badeofen angeheizt war, gleich zu dritt oder zu viert ins Bad und dann ist einer nach dem anderen in die Dusche gegangen. Ich sagte, ich gehe duschen und Nan sagte, ach dann komme ich mit und mache ein paar Fotos. Sie hatte ihre Kamera sowieso immer dabei. So ist das Foto in der Badewanne entstanden. Es ist dann später in ihrem allerersten Fotobuch erschienen, „The Ballad of Sexual Dependency“. Darin waren mehrere Fotos von mir, das fand ich ganz toll. Ich hatte in dem Sommer 1984 auch eine große Slide-Show für sie in Berlin organisiert, im Kino Babylon in der Dresdener Straße. Der große Raum war voll mit 600 Leuten. Aber dass Nan einmal so wahnsinnig berühmt werden würde, war damals noch nicht absehbar.

Ich wohne immer noch in demselben Haus, das Foto von mir in der Badewanne hängt im Ankleidezimmer. Ich habe viele Fotos von ihr geschenkt bekommen, teilweise auch in größeren Abzügen, die kann ich gar nicht alle aufhängen. Ich hatte jahrelang in der Küche eine kleine Serie hängen, die Nan von meinen beiden Töchtern gemacht hat. Aus der Serie ist das berühmte Bild „Edda and Klara bellydancing“, das in England aus einer Ausstellung entfernt werden musste. Es gab einen Riesentumult, aber am Ende hat ein Londoner Gericht festgestellt, dass das Bild Kunst ist und keine Kinderpornografie. Es entstand bei einem einfachen Abendessen mit Nan. Die Kinder haben getanzt, sich ausgezogen, Nan hat fotografiert. Eine völlig natürliche Situation. Aber als meine Tochter Klara zwölf war, wollte sie nicht mehr nackt in der Küche hängen. Heute, mit fast 16, sieht sie das schon wieder anders. Klara ist Nans Patenkind, meine ältere Tochter Edda fährt öfter zu ihr nach Paris und hat sie in den letzten Jahren häufiger gesehen als ich. Obwohl – Nan und ich sind vor einigen Jahren zwei Wochen lang durch Kalifornien gereist und wir haben uns letztes Jahr in Berlin getroffen.
 
Käthe Kruse war von 1982 bis 1987 Schlagzeugerin der Gruppe „Die Tödliche Doris“. Heute ist sie bildende Künstlerin.
Ihre aktuelle Ausstellung „Käthe Kruse – Bilder Kleider Texte“ läuft vom 13.11. bis 8.1. in der Zwinger Galerie, Gipsstraße 3, in Mitte.

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