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Neue Ateliers für Berlin

Eine Initiative setzt sich für neue Ateliers ein

Muss ich jetzt nach Marzahn ziehen?“, fragte sich die Künstlerin Laura Bruce, als das Gebäude in der Neuköllner Hobrechtstraße verkauft wurde, wo sie eines der 21 geförderten Ateliers gemietet hat. Auch ihre Kollegen Ulrike Hansen und Jürgen Reichert in den Weddinger Gerichtshöfen wollten nicht mehr ständig um ihr Atelier zittern. Nachdem sie 2010 ein Grundstück am Weddinger Teil der Ackerstraße entdeckt hatten, das damals noch nicht im Visier von Investoren gewesen war, schafften sie es nach zwei Jahren, mit Krediten sowie finanzieller Hilfe der Familie einen Kaufvertrag auszuhandeln, und gründeten mit anderen Künstlern eine GbR. Voraussichtlich im März wird der sechsgeschossige Stahlbetonbau mit 25 unterschiedlich großen Ateliers bezugsfertig sein.
Den Traum vom eigenen oder zumindest sicheren Atelier haben sich im Lauf der vergangenen 20 Jahre mehrere Künstlergruppen in Berlin erfüllt. Gerade in den 1990er Jahren wurden solche Projekte vom Berliner Senat unterstützt. Wie zum Beispiel der CulturLawine e.V. in der Streustraße 42 in Weißensee, der das zunächst besetzte Haus vom Land Berlin kaufte und es als Modellprojekt „Wohnen und Kunst“ mit Senatsförderung sanierte. Oder das Künstlerhaus am Acker in Mitte, das im Rahmen der Sanierung Ost Hilfe erhielt. Auch das Gebäude einer ehemaligen Batterie-Elemente-Fabrik in der Rungestraße 20 in Mitte wurde Ende der 1990er Jahre von den zu jener Zeit dort ansässigen Künstlern und Kleingewerbetreibenden als Mietergenossenschaft erworben und als Modellprojekt „Wohnen und Arbeiten“ vom Senat gefördert.  
Besser bekannt sind Projekte wie Wiesen 29 und ExRotaprint in Wedding, das ZK/U in Moabit oder der Atelierhof Kreuzberg, die entweder in Landesbesitz sind oder von Stiftungen gekauft wurden. Wer die Pionierarbeit geleistet und es geschafft hat, Ateliers durch Kauf bzw. über einen Erbpachtvertrag zu retten, ist heute angesichts der eskalierten Situation auf dem Berliner Immobilienmarkt froh, diese Strapazen auf sich genommen zu haben. Doch nicht jeder kann die Geldmittel auftreiben oder sich so intensiv mit den bürokratischen und oft auch politischen Auseinandersetzungen befassen. Denn ob sich die Künstlergruppen in Genossenschaften, Vereinen, GbRs oder GmbHs organisierten, an künstlerische Arbeit war mindestens zwei Jahre nicht zu denken.
Das soll bei der Atelierneubauinitiative Art City Lab nicht passieren, betont der Berliner Atelierbeauftragte und Leiter des Atelierbüros im Kulturwerk des bbk Berlin Florian Schmidt. Er hat die Initiative zusammen mit dem Berliner Architekturbüro Raumlabor ins Leben gerufen. Mit der von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Auftrag gegebenen Studie „Art City Lab“ hat Raumlabor 2015 gemeinsam mit dem bbk Berlin und dem Atelierbüro Alternativen zur Schaffung von Ateliers vorgelegt. Das Prinzip besteht darin, mit industrieller, modularer Bauweise auf kostenfrei zur Verfügung gestellten Grundstücken Atelierhäuser zu bezahlbaren Mieten zu schaffen. „Innerhalb von fünf Jahren könnten auf ca. 15 Bauflächen um die 400 Ateliers entstehen“, rechnet der Atelierbeauftragte vor.
Bereits ab diesem Frühjahr sollen bis 2017 vier Pilotprojekte umgesetzt werden. Dass sie als eines der Projekte zum Zuge kommen, hoffen die Künstlerinnen und Künstler des Atelierhauses PostOst in der Friedrichshainer Palisadenstraße, die im August das Gebäude räumen müssen. Der neue Eigentümer will dort Arbeitsplätze für Startups einrichten. Der Atelierbeauftragte Florian Schmidt trug der Firma das Konzept von Raumlabor vor, mit einem Aufbau 15 Ateliers und zehn Proberäumen auf dem ehemaligen Postgebäude zu schaffen und so eine Koexistenz von Künstlern und Startups zu ermöglichen. „Eine grundsätzliche Bereitschaft, dieses gemeinschaftliche Konzept des Aufbaus umzusetzen, scheint vorhanden zu sein“, sagt Schmidt. Der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Pannhoff steht dem Bauprojekt jedenfalls positiv gegenüber.
Neben Konzepten wie einem Aufbau, der auch auf dem Kreuzberger Bunker neben dem Anhalter Bahnhof vorgesehen ist, hat die Atelierneubauinitiative bereits mehrere Baufelder im Visier, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, die Verfügungsrechte zu erhalten. Dazu gehören unter anderem der Lilienkulturgarten in Neukölln mit dem Potenzial von 60 Ateliers und vier Proberäumen und das knapp 12.000 Quadratmeter große Gelände der sogenannten Wiesenburg in Wedding, einem ehemaligen Obdachlosenasyl, das zurzeit bereits von Künstlern und Kleingewerbe genutzt wird. 

Eine Initiative setzt sich für neue Ateliers ein
Finanziert werden könnten die Projekte mit einem Übergangsbudget aus Mitteln der Kulturverwaltung, sagt der Atelierbeauftragte. Bis zum Sommer hofft er, eine Förderung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einholen zu können. Die Atelierneubauinitiative steht im Zentrum des im Frühjahr von Schmidt zu erwartenden, neu ausgearbeiteten Masterplans Art Studios 2020. Der sieht vor, die Anzahl der zurzeit ca. 900 von der Senatskulturverwaltung mit jährlich 1,541 Mio. Euro geförderten Ateliers bis 2020 auf 3000 gesicherte und bezahlbare Ateliers zu erhöhen. Damit will Schmidt der Tendenz von um die jährlich 300 verlorenen Ateliers in Berlin entgegengewirken. Die Begrenzung der Anmietzeit von geförderten Ateliers auf acht Jahre möchten Schmidt und die Künstlergewerkschaft bbk Berlin abschaffen. Zurzeit ist diese Regelung für zwei Jahre ausgesetzt.
Ein sehr aktuelles Konzept ist die künstlerische Nutzung mit integrativem Effekt oder Mischnutzungen. Bekannte Beispiele in Planung sind das Atelierhaus Prenzlauer Promenade oder das Haus der Statistik. „Bei Wohnungsbau gibt es immer Möglichkeiten, Ecken zu nutzen, um Ateliers zu bauen“, sagt Schmidt. Diese Mischung ist von den Bezirken auch gewünscht.

Text und Fotos: Constanze Suhr

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