Kunstpreis

Neuköllner Kunstpreis 2017

Arm, aber wichtig: Neukölln, der ärmste Bezirk Berlins, stiftet seinen Kunstschaffenden einen Kunstpreis

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In ihrem kleinen Atelier ist Katrin Wegemann von selbst gekochten Zuckersteinen, Glasobjekten und Pachinko-Automaten umgeben, die Regale sind mit präzise beschrifteten Kisten bestückt. Wegemann ist eine der zehn Nominierten für den Neuköllner Kunstpreis, der in diesem Jahr vom Bezirk an dort ansässige Kreative vergeben wird. Im Saalbau Neukölln werden die Preisanwärter in einer Gruppenausstellung präsentiert. Wegemann zeigt ihre Arbeit „Aufsteigen 8“ – mit Helium gefüllte Spiegelkugeln, die, an einer Schnur mit Wickelmotoren verbunden, auf und ab steigen und einen Tanz der Formen, Wellen und Täler aufführen. Die Veränderungen von Objekten aufgrund ihrer Materialeigenschaften, durch Motorenantrieb oder menschlichen Einsatz ist das Hauptthema der Künstlerin. „Es ist immer ein Spiel mit der Zeit“, erklärt Wegemann, ihre Kunst gleiche eher einem Theater- oder Musikstück.

Ein paar Straßen weiter arbeitet Piere-Etienne Morelle, auch für den Preis nominiert, in einem der 87 vom Senat in Neu-kölln geförderten Ateliers. Er hat eine Glasscheibe zwischen vier Verputzhaken geklemmt und das Material bis zum Äußersten gebogen. „Du weißt nie, ob das vor deiner Nase zerbricht“, erklärt Morelle fast begeistert. Früher hat er in Perfomances sein „Körper-Material“ getestet, doch inzwischen kreiert er Objekte. So manche Glasscheibe musste bei den vielen Experimenten daran glauben.

In seinen sieben Berliner Jahren durfte Morelle bereits den Geschmack der Gentrifizierung kosten. Bevor er in die Hobrechtstraße zog, hatte er zusammen mit einem Freund in der Sonnenallee zwei Erdgeschossräume mit viel Arbeitseinsatz ausgebaut. Nach zwei Jahren war Schluss. „Wir haben alles schöner gemacht, und dann wird es doppelt und dreimal so teuer“, sagt Morelle. Seine ebenfalls nominierte Kollegin Anne Brannys muss nun das Gleiche erfahren. Sie arbeitet in der Sonnenalle 90, wo sich über zwanzig Künstlerateliers befinden. Im April müssen alle ausziehen.

Brannys hat sich mit ihrer „Enzyklopädie des Zarten“ für den Preis beworben, eine Zusammenstellung von Wort, Kunst und wissenschaftlichem Spürsinn, eine Wunderkammer der Begrifflichkeiten. An ihrer Atelierwand hängt eine Zeichnung mit dem Inhaltsverzeichnis ihres Künstlerbuches, deren zahlrei-che Querverweise sie durch Linien sichtbar macht, sodass der Text letztlich unlesbar wird. „Die Ordnung torpediert sich selbst“, erklärt Brannys.

Parallel zur Veranstaltung „Neuköllner Produktion“ zeigen die zehn Nominierten ihre Arbeiten, eine große Bandbreite junger Kunst von Malerei, Fotografie und performativer Skulptur bis zu Grenzgängern zwischen Kunst und wissenschaftlicher Spurensammlung oder auch Design und Architektur.

Neuköllner Kunstpreis 2017 Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Di–So 10–20 Uhr, Eröffnung und Preisverleihung Fr 13.1., 18 Uhr, Ausstellung 14.1.–26.3.

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