Ausstellungen

Nezakat Ekici im Haus am Waldsee

Nezaket Ekici

Ob es ihr gelingt, sich zu befreien? Die Frau, die da in einem überdimensionalen Goldkäfig steckt und durch die Gitterstäbe nach einem von der Decke baumelnden Schlüssel greift, hat gerade ihren Ausweg gefunden. In ihrer Kunst erzählt die Performerin Nezaket Ekici von ungeahnten Möglichkeiten, Hindernissen und überlebten Tabus. Mit radikaler Hingabe vermittelt sie Einsichten zwischen den Kulturen, von Mensch zu Mensch.
„Alles, was man besitzt, besitzt auch uns“, heißt ihre große Einzelausstellung im Haus am Waldsee. Familienfotos im Eingangsbereich bilden den Auftakt. Darunter die in der Türkei geborene Performance-Künstlerin als kleines Mädchen. Hellwach ist ihr Blick, neugierig auf die Welt.
Seit rund 15 Jahren stellt sich Nezaket Ekici, die bei Marina Abramovi? in Braunschweig studiert hat, dem Bild der Frau zwischen Islam und Christentum, beleuchtet Differenzen wie Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen. So ist diese Ausstellung etwas Besonderes. Zum einen, weil Nezaket Ekici das Zusammenleben in unserer globalisierten Welt thematisiert, zum anderen, weil sie dies nicht auf ausgetretenen Pfaden tut, malend oder fotografierend.
Ihr Kapital ist ihr Körper. Ob sie in einem Tschador kopfüber von der Decke baumelt und Zitate zum Stellenwert der Frau in der islamischen Gesellschaft liest oder über Stunden in einem Gips-Kokon steckt, bevor sie den Befreiungsschlag wagt: Diese Künstlerin lebt Extremsituationen aus. Das Publikum reagiert stets anders, je nach Ort und Land.
Es sind symbolische Handlungen, die sich einprägen. Mal lässt sich die 44-Jährige von der Kunstgeschichte inspirieren, mal von der Architektur oder kulturellen Einflüssen. Ihre eigene Biografie als Kind türkischer Einwanderer spielt eine wichtige Rolle für ihre Kunst, die sie in Museen oder im öffentlichen Raum auslebt. Elf auf das Haus am Waldsee zugeschnittene Projekte werden als Reenactments und Live-Performances zu sehen sein.
Zum Beispiel „Lifting a Secret“, das die ?türkische Brautschau aufs Korn nimmt. Hierfür richtet Nezaket Ekici im ehemaligen Herrenzimmer einen Kaffeesalon ein. Wer gut Kaffee kochen und servieren kann, bezeugt damit zugleich seine Heiratswürdigkeit. Die Künstlerin schreibt mit Vaseline ein Stück ihrer eigenen Lebensgeschichte auf die Wände. Die zunächst unsichtbare Schrift wird durch Kaffee lesbar gemacht, das Geheimnis enthüllt.
Im Museum Istanbul stellte Ekici schon aus, im Martha Herford zeigte sie Videos und Relikte ihrer Performances. Mehr als 150 Arbeiten in aller Welt hat sie präsentiert – mutig, unter vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf die eigene Schmerzgrenze. Neben Soloaktionen stehen auch interaktive Projekte, in denen das Publikum zum Resonanzkörper wird.
Den Dialog mit dem Betrachter, mit kulturellen Zusammenhängen macht sie zum eigentlichen Gegenstand ihres Werkes. Starke Bilder bleiben in Erinnerung, etwa die Künstlerin, die sich wie ein Derwisch in einem Rosenblütenmeer um die eigene Achse in Trance dreht, dabei Tausende von Blütenblättern aufwirbelnd. Oder wie sie sich aus der ausweglos anmutenden Situation des goldenen Käfigs befreit. Dogmen und Vorurteile lässt diese Frau hinter sich. Als Performerin nimmt Nezaket Ekici sinnlich den Kampf auf.

Text: Andrea Hilgenstock

Nezaket Ekici, Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, 7.6.–16.8., Di–So 12–18 Uhr

Eröffnung mit Performance am 6.6. um 18 Uhr, ?Performance auf dem See am 14.6. um 15 Uhr

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