Ausstellungen

Nikolaus Utermöhlen in der Galerie September

Utermoehlen_NikolausNikolaus Utermöhlen muss viel Zeit in Copyshops verbracht haben. Ohne dass man genau hinschauen muss, sieht man, die Grundlage seiner Werke sind fotokopierte DIN-A4-Seiten, die er bearbeitet, auf Leinwand oder Metall aufgezogen und übermalt hat.

Wie das dreiteilige Bild „o.T.“ von 1992, ein Filmstill, es zeigt einen Mann, der mit seinem Hund auf einem Baumstamm am Bach sitzt. Die darauf gemalten Flächen aus Plaka-Leuchtfarbe wirken nicht wie zufällig angeordnet, sondern wie eine Formel oder ein Code, als könne man die Logik des  Aufbaus mit dem richtigen Grundwissen sehr einfach entschlüsseln. Sie sind farblich und inhaltlich ein starker Kontrast zu dem melancholischen jungen Mann, der schaut, als könne er momentan weder sich selbst noch die Welt um ihn herum begreifen. Durch Zufall hat Galerist Oliver Koerner von Gustorf den Farb-Code geknackt. Die Flächen sind so geordnet, dass sie beim Blick durch die 3D-Brille hervortreten.

Offensichtliche Reproduktion und Malerei, beides bringt Utermöhlen zusammen in einer Zeit, als Gepinseltes keiner sehen wollte und Konzepte alles waren. Sein Weg dorthin ist entscheidend. 1980 hatte der Kunststudent Utermöhlen mit Wolfgang Müller die Berliner Band, oder besser: Künstlergruppe Die Tödliche Doris gegründet. Ihre Performances gehörten zu den wichtigsten Impulsgebern des Underground.

Noch heute wirkt Die Tödliche Doris, 1987 aufgelöst, nach. Utermöhlen ist also das Gegenteil eines naiven  Menschen, als er seine Motive einem zum Klischee verkommenen Bildvokabular entnimmt: Seine Serie von Schwertern vor knallfarbigem Hintergrund, sein Panorama eines verfallenden römischen Tempels. Immer ist Ironie in der Reproduktion des Kitschs mit dabei, aber eine sehr freundliche. Und natürlich die Fotokopie.

Angefeindet wurde Utermöhlen für diese scheinbar unbedarfte Malerei, erinnert sich Oliver Koerner zu Gustorf. 15 Jahre lang waren sie Lebensgefährten. 1996 verstarb Untermöhlen 38-jährig an den Folgen von Aids. Zu Lebzeiten hatte er in der Galerie Zwinger ganz gut verkauft. Mit dieser zusammen betreut Koerner den Nachlass und zeigt die Werke nun in seiner eigenen Galerie September. Viele davon sind nicht mehr auf dem Markt, „o.T.“ (1992) ging vor Eröffnung weg.

Zeitgenössisch findet Koerner die Arbeiten Utermöhlens. Nun ist ein Exfreund nicht der objektivste Kritiker, doch irgendwie hat er recht. Die Werke stellen eine offene Position vor, sind ebenso romantisch wie abgeklärt. Am aktuellsten wirkt eine Arbeit aus vier Fotogrammen, die Utermöhlen zerrissen und jeweils in Rahmen gepackt hat. So arbeitet jetzt Tillmans.

Text: Stefanie Dörre

tip-Bewertung: Sehenswert

nikolaus utermöhlen: vor dem tempel der ungerechtigkeit
September, Charlottenstraße 1, Kreuzberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 4.2.2011

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