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Oliver Polak – Nichts erledigt, zwei Mal onaniert

Oliver Polak - Nichts erledigt, zwei Mal onaniert

1976 im Emsland geboren, Abitur am Carmel College, einem jüdischen Internat in England. Co-Moderator bei „VIVA Family“ und beim „Disney-Club“ (RTL), dann Schauspieler – u. a. „Zack“ (SAT.1), „Bernds Hexe“ (RTL). Ab 2006 Stand-up-Comedy. 2008 erschien „Ich darf das, ich bin Jude“. Polak lebt in Berlin.

Der Tiefpunkt des Tages kommt früh: „9.35 Uhr, nichts erledigt, kaum gegessen, wieder im Bett und zwei Mal onaniert.“ Oliver Polak wiegt zu dieser Zeit 130 Kilo. Schluckt seit Monaten ein Medikament namens Mirtazapin, das nichts bringt. Hasst sich selbst und weiß nicht, warum. Bis er, „an einem tristen Novembermorgen“, die Reißleine zieht. Er lässt sich mit dem Taxi in die Psychiatrie fahren. Wo er die nächsten zwei Monate verbringen wird. Behandlung wegen Burn-out und Depression.
Polak ist keiner, der sich oder andere schont. Im Gegenteil. Der jüdische Stand-up-Comedian ist bekannt für Witze jenseits der Schmerzgrenze. Seine Shows heißen „Jud süß-sauer“ oder gleich „Krankes Schwein“. Es geht darin um Antisemitismus, Rassismus, Sodomie, Pädophilie, „all die lustigen Sachen im Leben halt“, wie Polak beim Gespräch im Cafй Einstein Unter den Linden scherzt. Allein deshalb ist das Buch, das er über seinen Klinikaufenthalt geschrieben hat, so eine Überraschung. „Der jüdische Patient“. Klar, es gibt den bissigen Humor darin, für den man ihn mag – oder eben nicht. Es wimmelt vor popkulturellen Verweisen, besonders Blumfeld und Tocotronic sind treue Wegbegleiter seiner Reflexion über den Zusammenbruch. Über die Kapitulation. Über das Sag-alles-ab. Vor allem aber beschreibt Polak mit radikaler Offenheit einen quälend langsamen Weg zur Genesung. Wo andere versucht wären, sich mindestens zu Jack-Nicholson-mäßigen Rebellen der Anstalt zu stilisieren, bleibt er auf dem harten Boden von Station 10 A, Zimmer 1?017. „Mir war es wichtig, die Vorgänge in der Klinik so authentisch wie möglich zu beschreiben. Die Psychodrama-Gruppe, die Wassergymnastik“, sagt er. „Der Kern sollte Ernsthaftigkeit sein. Ich wollte die Zeit nicht mit ein paar Witzchen gleich wieder entwerten und so tun, als sei ich der Geile, der Coole.“
Man könnte meinen, Depression sei heute keine große Sache mehr. Schreiben ja viele drüber. Von Miriam Meckel bis Sarah Kuttner. Ein Massenphänomen. Polak, der Außenseiter aus Papenburg im Emsland, ausgerechnet in der Krankheit erstmals mehrheitsfähig? Sieht er nicht so. „Depression ist immer noch ein Tabuthema“, sagt Polak. Erinnert ihn an seine Hodenkrebserkrankung vor sieben Jahren. Damals erzählte ihm der Urologe, manchmal kämen Männer mit Geschwüren, groß wie eine Pampelmuse. Weil sie sich so lange nicht zum Arzt getraut hatten, aus Scham. „Wenn sich viele schon bei so einer offensichtlichen Krankheit nicht überwinden können – wie soll das bei Depressionen gehen?“, fragt er. Gründe für seine niederschmetternde Traurigkeit findet er viele im Buch. Da ist natürlich die Familiengeschichte, die Schatten wirft. Der Vater, der das KZ überlebt hat und selbst nie psychologische Hilfe hatte. „Weil Therapie gleich Klapse war.“ Und heute feiern sie in Papenburg am 9. November die Lange Nacht des Shoppings. Heute wird er angeblafft, wenn er irgendwo erzählt, dass er Jude ist. „Wieso betonst du das so? Ich sag ja auch nicht, dass ich katholisch bin.“ Die Humorbehinderung der Deutschen: noch so ein Problem. Die Niederungen der Kabarett-Tingelei. Wo der Veranstalter sich traut, Werbung für seinen Auftritt zu machen. Wie in Erfurt geschehen. Wo der Host des Comedy-Abends sich nach seinem Act erst mal beim Publikum entschuldigt. Was im Quatsch Comedy Club passiert ist. Polak bastelt daraus keine Anklage mit Fingerzeig – die sind schuld an meiner Krankheit!
Sondern er schildert ein Grundgefühl des Unverstanden-Seins, der Einsamkeit und der Angst: „Angst zu versagen, Angst, im Selbstmitleid zu ertrinken“. Was schließlich in die völlige Leere mündet. In eine Gefühllosigkeit, die nur schwer zu beschreiben ist. „Deine Lieblingsband könnte in der Kneipe unter deiner Wohnung ein Exklusivkonzert nur für dich und deine Freunde spielen – du würdest dich nur schulterzuckend umdrehen, sagt Polak. Sasha Grey könnte nackt ins Zimmer spazieren – es wäre dir egal. Wie er dieses Vakuum überwunden und langsam wieder zu fühlen gelernt hat, ist die Geschichte, die er erzählen will. In der Klinik war noch kein Gedanke an ein Buch. Damals dachte er: „Nie wieder Stand-up, nichts mehr. Ich wollte alles hinschmeißen.“ Irgendwann danach schrieb er einen kleinen Text, ließ ihn liegen, holte ihn schließlich wieder hervor. Im Juni 2013 begann er mit der Arbeit an „Der jüdische Patient“. Zwei Monate nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie. Der Großteil entstand im ersten Stock des Starbucks am Hackeschen Markt, wo er sein temporäres Büro aufgeschlagen hatte.
„Der jüdische Patient“ ist kein Seelenstrip. Aber doch eine Gratwanderung. „Ich weiß nicht, ob ich mich der Welt öffnen will“, schreibt er an einer Stelle. Allerdings sagt er auch: „Wenn ich jetzt Interviews gebe, habe ich nicht das Gefühl, über Sachen zu reden, die ich eigentlich gar nicht preisgeben will.“ Das sei vielleicht die Illusion des Stand-up-Comedians: „Wenn du denkst, du wüsstest alles über ihn, weißt du in Wirklichkeit nichts.“ Er musste sich diese Geschichte von der Seele schreiben. Aber es gibt Grenzen. Jedenfalls ist Polak keiner, der sein Heil in der Öffentlichkeit sucht. „Das könnte eher das Gegenteil bewirken“, sagt er. „Aber dann habe ich wenigstens Stoff für das nächste Buch. Das heißt dann: ‚Scheiße, nicht schon wieder‘.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Gerald von Foris

Oliver Polak: „Der jüdische Patient“, KiWi 2014, 240 S., 9,99 Euro

Lesung in der Volksbühne, So 16.11., 20 Uhr

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