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Pay Matthis Karstens im Gespräch

Zille_Kurator_Pay_Matthis_KarstensWas interessiert einen 23-Jährigen an einem Liebling unserer Ur-Großväter wie Heinrich Zille?
Es gibt noch viele andere Seiten Zilles zu entdecken als die, die unsere Ur-Großväter kannten. Etwa den Fotografen, den politischen Zeichner, den Künstler fernab von Milieumotiven und den rezipierten Zille. Letzterer blieb bislang unbekannt. Das hat mich interessiert.

Wie kamen Sie auf das Thema „Zensur und Willkür“?
Ich wusste, dass Zille bereits in der Weimarer Republik verfemt wurde. Es gab Prozesse aufgrund seiner Bilder und Bücher. Manches wurde als unsittlich, pornografisch und jugendgefährdend eingestuft. Andererseits gab es eine Vereinnahmung des Künstlers. Doch dann stieß ich auf Flohmärkten und in Antiquariaten auf propagandistisch verfälschte Bücher aus der NS-Zeit. Dieser Fund überraschte mich. Im Gespräch mit Kunsthistorikern stellte ich während meines Studiums fest, dass sich noch kein Zille-Forscher speziell mit der NS-Rezeption beschäftigt hatte. Da reizte es mich, herauszufinden, was mit seinen Büchern, Bildern, Filmen und Denkmälern von 1933 bis 1945 geschehen war.

Wollte man Zille, wie so viele andere Künstler auch, im Dritten Reich verbieten?
Zum Umgang mit Zille hat es im Nationalsozialismus keine offizielle Linie gegeben. Er wurde aber mit anderen proletarisch orientierten Künstlern wie Käthe Kollwitz oder Otto Nagel als politische Gegenstimme wahrgenommen. Diese Künstler zeigten keine Helden des Systems, sondern Personen am Rande der Gesellschaft. Aufgrund dieser Einordnung kam es anfangs zu Verboten und zur Beschlagnahmung seiner Werke. Ab 1936 wurden die Bilder dann wiederum in den Dienst der Propaganda genommen und umgedeutet. Nun wurde Zille zum Militaristen und Antisemiten verfälscht. Dies geschah willkürlich.  

Können Sie ein Beispiel geben?
Zille schuf während des Ersten Weltkrieges die Lithografie „Das eiserne Kreuz“. Eine Witwe mit kleinen Kindern erhält diese Auszeichnung für den gefallenen Ehemann und Vater. Zille setzte die trauernde Familie ins Bild. Man hat das Blatt als Friedensaufruf verstanden. Im Nationalsozialismus ist es uminterpretiert worden. Nun sollte es den Zweiten Weltkrieg glorifizieren und wurde für die Kriegspropaganda genutzt.

Zille lebte ja eine Zeit lang in Charlottenburg, nicht weit von der Villa Oppenheim entfernt. Spiegelt sich das in der Schau?
Diese Nachbarschaft ist der Grund, warum ich mit dem Museum Kontakt aufgenommen habe. Es liegt im einstigen Zillekiez. Der 1929 verstorbene Künstler wohnte fast 40 Jahre in der Sophie-Charlottenstraße 88, also ganz in der Nähe. Das ehemalige Wohnhaus steht noch. Die Gedenktafel war 1933 abmon­tiert worden, heute hängt wieder eine am alten Ort.

Interview: Andrea Hilgenstock

Zensur und Willkür Villa Oppenheim, Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, Schloßstraße 55, Di–Fr 10–17 Uhr, Sa+So 11–17 Uhr, bis 4.8.

Verboten und verfälscht. Heinrich Zille im Nationalsozialismus von Pay Matthis Karstens, Vergangenheits Verlag, Berlin 2012

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