Treptower Plänterwald

Performance-Führungen durch den Spreepark

Der ehemalige DDR-Vergnügungspark im Treptower Plänterwald soll ein geschützter Raum für Kunst werden. Die ersten performativen Führungen finden bereits statt

Foto: F. Anthea Schaap

Daniela Brahm schiebt ihren Holzkarren über die holprigen Pfade des wild zugewachsenen Geländes im Spreepark, während ihr eine schwitzende Gruppe von Kunst­interessierten folgt. Über ihnen ragt jetzt das Riesenrad mit seinen 40 Gondeln in den knallblauen Himmel, das Symbol des damals einzigen DDR-Vergnügungsparks. Davor in einer spärlichen Pfütze das mit Graffiti beschmierte Wikingerschiff, ebenfalls ein Relikt aus früheren Rummelzeiten. Ein paar Schritte weiter eingezäunt die Reste der Dino­saurier von der Dinobahn, traurige Opfer des Vandalismus.

„Kunst muss nicht aussehen wie Kunst“, findet Daniela Brahm. Sie hat schon mal das Weddinger ExRotaprint, das sie zusammen mit Les Schliesser in Erbbaupacht vor der Immobilienspekulation gerettet und zu einem gemeinnützigen Gelände gemacht hat, als eins ihrer wichtigsten Kunstwerke bezeichnet. Hier im Spreepark erzählt die Künstlerin nun zum Beispiel etwas über das Erbbaurecht, Leo Tolstoi, Marx, die ersten Siedler Nordamerikas und die Entstehung von Bodeneigentum. Humorvoll und souverän geht sie die Themen an jeweils assoziativ passenden Stellen im einstigen Vergnügungspark mit ihrem „Erklärmobil“ an und blättert dabei in ihren Bildtafeln wie eine Moritatensängerin.

„Kunst ist ja nicht das Objekt, das man anfassen kann, sondern das Denken und die Art, wie man etwas betrachtet“, sagt Brahm. „Und so eine Tour ist eine unkonventionelle Art, mit dem sehr umfassenden Bodenthema umzugehen, mit den fast comichaften Zeichnungen zu sagen: ‚Hey, lasst uns einfach mal die zwei Stunden Zeit nehmen, um eine neue Perspektive einzunehmen gegenüber dem, von dem wir immer meinen, dass es ganz normal ist, nämlich das private Bodeneigentum.‘“

Die Geschichte des 1969 eröffneten DDR-Kulturparks, der 1991 in Erbbaupacht an private Betreiber übertragen worden war, ist eine geradezu sensationelle Story über Insolvenz, geklaute Fahrgeschäfte, Kokain-Schmuggel, spätere Plünderungen im Park und das jahrelange Ringen um die Zukunft des Geländes. 2014 kaufte das Land Berlin die Erbbaupacht zurück, und zwei Jahre später wurde das ungefähr 25 Hektar umfassende Gelände der landeseigenen Grün Berlin GmbH übertragen, die unter anderem auch für das Tempelhofer Feld und den Park am Gleisdreieck zuständig ist.

„Im künftigen Spreepark sollen Kunst, Kultur und Natur überraschende Verbindungen eingehen und ein besonderes Be-suchserlebnis schaffen“, heißt es in der Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz vom Mai dieses Jahres. Seit 2016 wird zusammen mit der Grün Berlin GmbH in Abstimmung mit dem Bezirk Treptow-Köpenick und im Dialog mit interessierten Bürgern und Anwohnern ein Konzept unter dem Titel „Spreepark Neustart“ entwickelt. Ein zweiter Friedrichshainer Volkspark oder Mauerpark, Rummel und laute Musik sind nicht erwünscht. Der Plänterwald, in dem sich der Spreepark befindet, ist außerdem seit 1998 als Landschaftsschutzgebiet deklariert.

Das Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum (ZKR) der Grün Berlin GmbH organisiert dieses Jahr künstlerische Touren durch den Spreepark, die sich lokalen Themen vor Ort widmen und „auf Strukturen in der ganzen Welt“ blicken. Katja Aßmann, künstlerische Leiterin des ZKR, sagt dazu: „Das Einzige, was wir machen dürfen und können, sind Führungen, Informationen zum Park geben. Und so bin ich eigentlich auf die Idee gekommen, lass uns doch das Format, das wir umsetzen dürfen, nämlich Führungen, auch mal mit Künstlern denken.“

Erst wenn die Senatsverwaltung und der Bezirk Treptow-Köpenick den Bebauungsplan erstellt haben, was noch zwei Jahre dauern kann, wird es möglich sein, das Gelände zu gestalten. Von Juni bis Oktober dieses Jahres setzen sich Künstlerinnen und Künstler bzw. Künstlergruppen in unterschiedlichen Formaten mit den Besonderheiten des Parks auseinander.

Mit dabei sind Sebastian Quack und Lukas Matthaei mit ihrer Virtual-Reality-Führung „Teststrecke Plänterwörld“, bei der sie die virtuellen und realen Welten verbinden und ihre Besucher einladen, die Zukunft öffentlicher Räume für sich selbst zu gestalten. Auch mit szenisch interaktivem Storytelling (Urban Culture Institute), dem Erkunden vergangener Geschichten (Hans Winkler) oder dem Aufspüren ungenutzten Potenzials des Geländes im Hinblick auf Anbau, Ernte und Zubereitung von wild wachsenden Pflanzen (Andrew Rewald mit dem Urban Gardening Projekt Prinzessinnengarten) können Besucher das Gelände kennenlernen.

Nach fast zwei Stunden, in denen Daniela Brahm ihr schweißüberströmtes Publikum an Überbleibseln des Amüsiergeländes wie reetgedeckten Gastronomie-Pavillons, Spreeblitz und Montecarlo Drive geführt und am ehemaligen Eingang Mieterschnaps gegen den Eigentumswahn ausgeschenkt hat, bleibt sie an den Resten des englischen Dorfes stehen, um nochmal über Freehold, Leasehold und die großen Estates auszuholen. Die Besuchergruppe scheint etwas verblüfft, aber insgesamt angetan von dieser außergewöhnlichen Herangehensweise an das Vergnügen.

Spreepark Kiehnwerderallee 1–3, Plänterwald, www.gruen-berlin.de; Performative Führungen im August: Daniela Brahm, „Die Tour als Skulptur – Property Matters“, Sa 25./So 26.8., 15–17 Uhr; Urban Culture Institute, „Live – Natur, Szene, Musik“, Fr 31.8., 18–20 Uhr, Tickets ab 5 € unter www.zkr-berlin.de

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